Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Karin Nohr – Vier Paare und ein Ring

Karin Nohr - Vier Paare und ein Ring

Dem Literaturprofessor Kurt Schwemmers kommt in seiner Vorlesung eine spontane Idee. An vier aufeinanderfolgenden Sonntagen will er die Komplettaufführung von Richard Wagners „Der Ring der Nibelungen“ in der Dresdner Semperoper besuchen. Davor noch im Elbschlösschen gut Essen gehen. Da das zu zweit etwas eintönig ist, überredet Kurt kurzerhand seine Frau Eva drei befreundete Paare einzuladen. Spontan sagen Kurts Kollege Dirk Blasius nebst Frau, Evas Freundin mit dessen Tochter Lena und die Eheleute Diesterkamp zu. Der Spaß kann beginnen. Doch der „Ring“ entwickelt seinen ganz eigene Wirkung und bringt so manche Gefühle durcheinander.

Richard Wagners Ring-Saga einmal anders. In ihrem Roman lässt die Autorin Karin Nohr ihre Protagonisten sich mit Wagners Figuren identifizieren, was zu teilweise dramatischen Gedankengängen in ihren Leben führt. Sehr schön ist der Aufbau des Buches: Unterteilt in die vier Ringopern (Rheingold, Die Walküre, Siegfried, Götterdämmerung), eingeleitet durch fiktive Inhaltsangaben einer 10ten Klasse und in der Mitte jedes Hauptkapitels der Teil eines Notenblattes, welches die Oper symbolisiert.

von A. Helling

Heike Schneider – Schlüpf doch mal in meine Haut

Heike Schneider - Schlüpf doch mal in meine Haut

„Schlüpf doch mal in meine Haut“ Stefanie-Lahya Aukongo; „Offenheit und Toleranz möchte ich meinen Kindern als Staffelstab weiterreichen“ Samira Anna Zufi; „Glück und Kreuz einer ‚hyphenated identity'“ Mona Katawi; „Die Bücher von Hafez, Goethe und Freud gehören zu meiner Heimat“ Dr. Mohammad Ebrahim Ardjomandi; „Als dunkelhäutige Leichtathletik-Gazelle war ich nicht gefragt“ Maria Bellini; „Der Spagat zwischen bravem Opfer und selbstbewusstem Reell ist immer schwierig“ Melda Akbas; „Mit mehr Offenheit, Lockerheit und besserer Streitkultur wäre in Deutschland schon viel gewonnen“ Thúy Nonnemann; „Fremdenfeindliche Blicke will ich gar nicht erst sehen“ Olaolu Fajembola.

In acht spannenden Interviews befragt die Journalistin Heike Schneider Menschen, die nach Deutschland immigriert sind oder hier aufgewachsen sind. Dabei erfährt man den Standpunkt der Betroffenen. Wie sie sich teilweise in den Augen der Politik fühlen, wenn es um Ausländer-, Asyl- oder Immigrationspolitik geht. Welchen „alltäglichen“ Rassismus sie teilweise Ausgesetzt sind. Aber auch positive Begebenheiten finden Wort. Wer bei Themen Integration und Migration mitreden will, sollte sich auf jeden Fall dieses Buch durchlesen.

von A. Helling

Manfred Spitzer – Digitale Demenz

Manfred Spitzer - Digitale Demenz

Vorwort.  Einführung: Macht Google uns dumm?  Taxi in London.  Wo bin ich?  Schule: Copy and Paste – statt Lesen und Schreiben?  Im Gehirn speichern oder auslagern in die Wolke?  Soziale Netzwerke: Facebook – statt face to face.  Baby-TV und Baby-Einstein-DVDs.  Laptops im Kindergarten?  Digitale Spiele: schlechte Noten.  Digitale Natives: Mythos und Realität.  Multitasking: gestörte Aufmerksamkeit.  Selbstkontrolle versus Stress.  Schlaflosigkeit, Depression, Sucht und körperliche Folgen.  Kopf in den Sand – Warum geschieht nichts?  Was tun?

Anhand vieler nationaler und internationaler Studien zeigt Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer – einer der bedeutendsten deutschen Gehirnforscher – die mögliche Problematik auf, die durch den Gebrauch der digitalen Medien auftreten können. Diese veranschaulicht er durch leicht verständliche Erklärungen zum Aufbau, der Funktionsweise und der Leistungsfähigkeit des Gehirns. Neben dem Suchtpotential, geht es um Minderung der Denkleistung, Erhöhung der Gewaltbereitschaft, soziale Dysfunktionen, Probleme mit dem Gedächtnis, kurz Digitale Demenz – in Südkorea ein anerkanntes Krankheitsbild. Bei aller Sachlichkeit ist diese Buch leicht verständlich zu lesen und regt dadurch umso mehr zum Nachdenken an. Über sich, sein eigenes Verhalten im Umgang mit digitalen Medien, über sein Kinder und die nächsten Generationen.

von A. Helling

Neben der Hörbuchfassung von „Digitale Demenz“ kann man sich in der Stadtbücherei Soest noch folgende Bücher von Manfred Spitzer ausleihen: „Hirnforschung für Neu(ro)gierige“ und „Medizin für die Bildung“

Chuck Palahniuk – Lullaby

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Carl Streator ist Reporter einer großstädtischen Zeitung. Die Journalistenschule hat er mit einer vier in Ethik abgeschlossen. Ebenso einen perfekten Blick für noch so kleine Details. Streator bekommt von seinem  Redakteur Duncan den Auftrag einen fünfteilige Serie für die Sonntagsauflage zu schreiben. Thema: Plötzlicher Kindstod. Als ihm an den Unglücksorten immer wieder das Buch „Gedichte und Lieder aus aller Welt“ auffällt, glaubt Streator auf ein Muster gestoßen zu sein. Zumal in allen Fällen als Letztes die Seite 27 aufgeschlagen war. Das Merzlied, ein afrikanisches Wiegenlied, für Sterbende, Verwundete und Leidende. Streator macht mit Duncan ein Experiment, er ließt ihm das Merzlied vor. Danach taucht Duncan nicht mehr in der Redaktion auf, wird vermisst. Während Streator sich eine Welt ohne Geräusche, Medien und mit Million von Toten vorstellt, überlegt er, was zu tun ist, um die Ausbreitung des Merzliedes zu stoppen.

Mit „Lullaby“ liefert Chuck Palahniuk einen perfiden kleinen Thriller ab, der sich durch die kurzen Kapitel sehr flüssig lesen lässt. Einziges Manko ist Streators Blick für die Details. Kaum ein Kapitel in dem nicht ein zwei Absätze nur aus Firmennamen, getragener Kleidung, Aussehen oder Personenbeschreibung besteht. Dieser Nachteil wird allerdings durch die Hauptthematik mehr als wett gemacht. Die Macht über Leben und Tod. Wie verhält man sich, wenn man den Schlüssel in Händen hält, um unentdeckt und ohne Spüren zu Töten? Bekommt man einen Gottkomplex? Wie sieht es aus, wenn man neben der Macht über Leben und Tod noch mehr in Aussicht gestellt bekommt? Will man noch mehr? Oder kann man Mensch bleiben?

von A. Helling

Neben „Lullaby“ gibt es von Chuck Palahniuk in der Stadtbücherei Soest noch „Fight Club“.

Die Reise des chinesischen Trommlers

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Der junge Sid lebt in den zwielichtigen Ecken von Hongkong. Den Tag verschläft er, nachts spielt er Drums in einer Rockband und vergnügt sich danach mit Frauen. Eines nachts lässt er sich mit Carmen, der Freundin des Mafiabosses Steven Ma ein. Sie werden erwischt und Sid kann gerade so entkommen. Kwan – Sids Vater – ist ebenfalls ein Mafiaboss und ein guter bekannter von Steven. Dieser soll nun Sid die Hände abnehmen, danach wären alle quitt. Stattdessen schickt Kwan Sid zusammen mit dem Untergebenen Chiu nach Taiwan ins Exil. Dort kann sich Sid aber nicht einleben und langweilt sich sehr. Bei einer Wanderung hören die Beiden plötzlich Trommeln. Sid ist sofort angetan von den Rhythmen. Eine anstrengende Reise beginnt.

Dieser Film zeigt eindrucksvoll den Wandel eines jungen Mannes. Weg von Selbstzerstörung, hin zu einer Reise der meditativen Ichfindung. Außerdem ist es schön, die asiatischen großen Trommeln im Zentrum einer Geschichte zu sehen. Abgerundet wird „Die Reise des chinesischen Trommlers“ durch wunderschöne Naturaufnahmen und die beeindruckenden Rhythmen der Trommeln.

von A. Helling

Kenzaburo Oe – Stille Tage

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Wegen einer Schreibblockade – hervorgerufen durch eine Krise – verreist der Vater nach Amerika. Früher verreiste er immer alleine, aber da diese Krise größer scheint wird er von der Mutter begleitet. So sieht sich die junge Ma-chan der Aufgabe gegenüber sich alleine um ihre Brüder zu kümmern. Den jüngeren O-chan, der gerade mitten in den Prüfungsvorberei-tungen steckt und den älteren, geistig behinderten I-Ah. Während O-chan relativ gut alleine zurecht kommt, fallen Ma-chan durch I-Ah mehrere Aufgaben zu. So muss sie sich während seiner möglichen epileptischen Anfälle um ihn kümmern; ihn nachts wecken, damit er nicht ins Bett macht, begleitet ihn in die Behindertenwerkstatt, zum Frisör oder zu Herrn Shigeto, I-Ahs Musiklehrer. Doch es geschieht noch mehr in der Abwesenheit der Eltern.

Wie in vielen seiner Werke lässt Kenzaburo Oe auch in diesem die Grenzen von Autobiographie und Fiktion verschwimmen. So hat er z. B. tatsächlich einen behinderten Sohn und zwei „normale“ Kinder. Thematisch wird das Leben, Lieben und Leiden einer jungen Frau zu ihrer Familie, vor allem aber zu ihrem geistig behinderten älteren Bruders geschildert. Hoffnungsvoll erscheint die Figur des I-Ah: sie zeigt, dass man trotz körperlicher oder geistiger Behinderung/Einschränkung ein schönes Leben  führen kann. Eher tragisch erscheint – wenn auch nur kurz oder durch Rückblenden – die Figur des Vaters. Zwar wird darauf hingewiesen, dass er I-Ah mehr als seine anderen Kinder liebt, doch scheint er mit der Situation manchmal nicht klar zu kommen. Sehr lesenswert!

von A. Helling

Des weiteren von Kenzaburo Oe in der Soester Stadtbücherei ausleihbar: „Verwandte des Lebens“ und „Die Brüder Nedokoro“.

Gelesen im Literaturkreis: „Das Labyrinth der Wörter“ von Marie-Sabine Roger

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Germain und Marguerite treffen sich im Park beim Tauben füttern. Sie ist eine ältere Dame, die in einem Altersheim lebt. Ihn könnte man als Dorftrottel bezeichnen: nicht sehr intelligent, groß, kräftig und ungehobelt. Doch über die Tauben freunden die beiden sich an und Marguerite gelingt es, in dem ungehobelten Kerl das Interesse für Bücher und fürs Lesen zu wecken. Daraus wird eine tiefe Freundschaft, an der die Autorin den Leser teilhaben lässt.

Es ist eine nette Geschichte, die sich leicht lesen lässt. Doch manchem ist es zu feinsinnig, zu glatt, ganz ohne Widerhaken. Und etwas unlogisch erscheint es schon, wenn der Ich-Erzähler der ungebildete Germain ist, der zumindest zu Beginn des Buches gar nicht über den Wortschatz verfügen kann, mit dem der Text daherkommt.

Roger, Marie-Sabine:
Das Labyrinth der Wörter
München: dtv, 2011
220 S.
978-3-423-21284-7

Elisabeth Dietz