Archiv der Kategorie: Drama, Schicksal

Nächster Literaturkreis am 12.12.2016

Der nächste Literaturkreis findet am 12.12.2016 um 18 Uhr statt.

Wir lesen „Das Geheimnis des Luca“ von Ignazio Silone.

Titel: Das Geheimnis des Luca
Autor: Ignazio Silone
Übersetzer: Fritz Jaffé
Ausgabe: 5. Auflage
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN/EAN: 978-3-462-01920-9
Originalsprache: Italienisch

Luca Sabatini kehrt als alter Mann nach einer fast lebenslangen Zuchthaushaft in sein Heimatdorf zurück: seine Unschuld hat sich herausgestellt. Vor vierzig Jahren war in der Nähe des Dorfes Cisterna ein Kaufmann überfallen worden. Luca Sabatini wurde der Tat verdächtigt und von den Carabinieri verhaftet. Ist er der Mörder? Luca bestreitet es. Aber wo hat er die Mordnacht verbracht? Der Angeklagte verweigert die Aussage. Selbst nach der Entlassung aus dem Zuchthaus bewahrt er sein Geheimnis.
Andrea, ein junger Lehrer, gibt sich daran, ihm nachzugehen. Überall forscht Andrea, stellt Fragen und versucht, die Mauer des Schweigens zu durchdringen, hinter die sich die Bewohner des einsamen Bergdorfes zurückziehen. Bei jedem Schritt begegnen ihm Ausreden, Vorurteile, stößt er auf Irrtümer und Verstocktheit. Warum hat Luca die Strafe auf sich genommen? Warum hat keiner aus dem Dorf zu seinen Gunsten ausgesagt, da doch die meisten an seiner Schuld zweifeln? Warum schweigt er noch immer, und warum sind ihm noch heute die Türen in Cisterna verschlossen, als wäre er ein Aussätziger?

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Elisabeth Dietz, Literaturkreis

Karin Nohr – Vier Paare und ein Ring

Karin Nohr - Vier Paare und ein Ring

Dem Literaturprofessor Kurt Schwemmers kommt in seiner Vorlesung eine spontane Idee. An vier aufeinanderfolgenden Sonntagen will er die Komplettaufführung von Richard Wagners „Der Ring der Nibelungen“ in der Dresdner Semperoper besuchen. Davor noch im Elbschlösschen gut Essen gehen. Da das zu zweit etwas eintönig ist, überredet Kurt kurzerhand seine Frau Eva drei befreundete Paare einzuladen. Spontan sagen Kurts Kollege Dirk Blasius nebst Frau, Evas Freundin mit dessen Tochter Lena und die Eheleute Diesterkamp zu. Der Spaß kann beginnen. Doch der „Ring“ entwickelt seinen ganz eigene Wirkung und bringt so manche Gefühle durcheinander.

Richard Wagners Ring-Saga einmal anders. In ihrem Roman lässt die Autorin Karin Nohr ihre Protagonisten sich mit Wagners Figuren identifizieren, was zu teilweise dramatischen Gedankengängen in ihren Leben führt. Sehr schön ist der Aufbau des Buches: Unterteilt in die vier Ringopern (Rheingold, Die Walküre, Siegfried, Götterdämmerung), eingeleitet durch fiktive Inhaltsangaben einer 10ten Klasse und in der Mitte jedes Hauptkapitels der Teil eines Notenblattes, welches die Oper symbolisiert.

von A. Helling

Mathias Malzieu

Mathias Malzieu - Die Mechanik des Herzens

Es ist der 16. April 1874 in Edinburgh, der kälteste Tag aller Zeiten. Es ist so kalt, dass Flüsse gefrieren, Katzen an Regenrinnen festkleben und Springbrunnen sich in glitzernde Blumensträuße verwandeln. An diesem verschneiten Tag treibt es eine junge schwangere Frau zu Doktor Madeleine, Hebamme für Huren, verlassene Frauen und solche die zu jung oder untreu waren. Nebenbei repariert sie Menschen – mit mechanischen Teilen. Die junge Frau bringt einen kleinen Jungen zur Welt, dessen Herz wegen der Kälte gefroren ist. Unter der Aufsicht einer bebrillten Katze spannt Doktor Madeleine den Jungen in einen Schraubstock. Nachdem sie ein Uhrwerk ausgesucht hat, wird es an des Kindes Herz montiert. Er überlebt, bleibt bei Madeleine und erhält den Namen Jack. Mit zehn Jahren darf Jack zum ersten Mal mit in die Stadt, in welcher er sich auch direkt verliebt. In eine kleine tollpatschige Tänzerin. Sein Herz übersteht es nur knapp. Nach Jahren erfährt Jack, wo sich seine Tänzerin befindet. Nach einem blutigen Zwischenfall macht er sich auf die Suche nach ihr.

Eine wundervolle Geschichte über die erste Liebe, die scheinbar nichts trennen kann. Darüber, welche heftigen Gefühle sie auslösen kann und was man für sie alles auf sich nimmt. Gespickt mit schwarzem Humor und den Hauptfarben schwarz und rot, den verzaubertet anmutenden Bildern wirkt „Die Mechanik des Herzens“ von Mathias Malzieu wie ein Film von Tim Burton in Worten. Auch wenn die Handlung Ende des 19. Jahrhunderts spielt hat man – durch die gezogenen Vergleiche und die Art, wie die Charaktere manchmal miteinander sprechen – das Gefühl sie spiele heute. Dies fällt aber durch die skurrilen liebenswürdigen Gestalten gar nicht auf. Ebenso vergisst man recht schnell, dass die Hauptprotagonisten gerade mal 14, 15 Jahre alt sind. Einfach verzaubern lassen.

von A. Helling

Die Reise des chinesischen Trommlers

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Der junge Sid lebt in den zwielichtigen Ecken von Hongkong. Den Tag verschläft er, nachts spielt er Drums in einer Rockband und vergnügt sich danach mit Frauen. Eines nachts lässt er sich mit Carmen, der Freundin des Mafiabosses Steven Ma ein. Sie werden erwischt und Sid kann gerade so entkommen. Kwan – Sids Vater – ist ebenfalls ein Mafiaboss und ein guter bekannter von Steven. Dieser soll nun Sid die Hände abnehmen, danach wären alle quitt. Stattdessen schickt Kwan Sid zusammen mit dem Untergebenen Chiu nach Taiwan ins Exil. Dort kann sich Sid aber nicht einleben und langweilt sich sehr. Bei einer Wanderung hören die Beiden plötzlich Trommeln. Sid ist sofort angetan von den Rhythmen. Eine anstrengende Reise beginnt.

Dieser Film zeigt eindrucksvoll den Wandel eines jungen Mannes. Weg von Selbstzerstörung, hin zu einer Reise der meditativen Ichfindung. Außerdem ist es schön, die asiatischen großen Trommeln im Zentrum einer Geschichte zu sehen. Abgerundet wird „Die Reise des chinesischen Trommlers“ durch wunderschöne Naturaufnahmen und die beeindruckenden Rhythmen der Trommeln.

von A. Helling

Martin Suter – Die Zeit, die Zeit

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Etwas war anders. Seit der Ermordung seiner Frau Laura ist jeder Tag für Peter Taler gleich. Morgens geht er zu Arbeit – Sachbearbeiter in der Finanzabteilung eines Bauunternehmens. Zu Hause angekommen stellt er sich mit einem Bier ans Fenster. Taler lässt jenen schicksalhaften Abend an seinem inneren Auge vorbeiziehen. Wie er kochte, Laura zu spät kam, Sturm klingelte, er nicht reagierte und dann nochmal das Klingeln der Wohnungstür. Ein Nachbar, der Taler die schlimmer Nachricht übergibt. Irgendetwas war anders an diesem Abend. Um darauf zu kommen, was an jenem Abend anders war, kocht und tut Taler immer das Gleiche: Spagetti kochen; für zwei den Tisch decken; Wein öffnen; eine Zigarette anzünden, aber nicht rauchen; Amy Winehouse hören. Und tatsächlich. Eines Abends hat Taler wieder das Gefühl, etwas wäre anders. Es scheint etwas mit dem Haus des Nachbarn von gegenüber zu tun zu haben, aber was?

Der Verlauf der Zeit, gibt es ihn? Oder gibt es die Zeit an sich gar nicht, sondern nur die Veränderung als solche? Ist man verrückt, wenn man denkt, die Zeit existiert nicht? Ruhig und sonor – leider mit wenig Stimmvariationen bei den einzelnen Charakteren – ließt Gert Heidenreich diese interessante – leider manchmal konstruiert wirkende – Geschichte über Moral, die Zeit und die Taten von Menschen.

von A. Helling

In der Stadtbücherei Soest gibt es von Martin Suter noch Folgendes: Small World (Buch & Hörspiel); Business Class (Buch); Das Bonus-Geheimnis und andere Geschichten aus der Business Class (Buch); Hubert spannt aus und andere Geschichten aus der Buisness Class (Buch); Die dunkle Seite des Mondes (Buch & Hörbuch); Ein perfekter Freund (Buch deutsch & französisch); Der Teufel von Mailand (Buch); Lila, lila (Hörbuch & die Verfilmung auf DVD); Der letzte Weynfeldt (Buch); Der Koch (Buch & Hörbuch); Allmen und die Libellen (Buch & Hörbuch); Allmen und der rosa Diamant (Buch & Hörbuch); Die Zeit, die Zeit (Buch); Abschalten (Buch).

Kenzaburo Oe – Stille Tage

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Wegen einer Schreibblockade – hervorgerufen durch eine Krise – verreist der Vater nach Amerika. Früher verreiste er immer alleine, aber da diese Krise größer scheint wird er von der Mutter begleitet. So sieht sich die junge Ma-chan der Aufgabe gegenüber sich alleine um ihre Brüder zu kümmern. Den jüngeren O-chan, der gerade mitten in den Prüfungsvorberei-tungen steckt und den älteren, geistig behinderten I-Ah. Während O-chan relativ gut alleine zurecht kommt, fallen Ma-chan durch I-Ah mehrere Aufgaben zu. So muss sie sich während seiner möglichen epileptischen Anfälle um ihn kümmern; ihn nachts wecken, damit er nicht ins Bett macht, begleitet ihn in die Behindertenwerkstatt, zum Frisör oder zu Herrn Shigeto, I-Ahs Musiklehrer. Doch es geschieht noch mehr in der Abwesenheit der Eltern.

Wie in vielen seiner Werke lässt Kenzaburo Oe auch in diesem die Grenzen von Autobiographie und Fiktion verschwimmen. So hat er z. B. tatsächlich einen behinderten Sohn und zwei „normale“ Kinder. Thematisch wird das Leben, Lieben und Leiden einer jungen Frau zu ihrer Familie, vor allem aber zu ihrem geistig behinderten älteren Bruders geschildert. Hoffnungsvoll erscheint die Figur des I-Ah: sie zeigt, dass man trotz körperlicher oder geistiger Behinderung/Einschränkung ein schönes Leben  führen kann. Eher tragisch erscheint – wenn auch nur kurz oder durch Rückblenden – die Figur des Vaters. Zwar wird darauf hingewiesen, dass er I-Ah mehr als seine anderen Kinder liebt, doch scheint er mit der Situation manchmal nicht klar zu kommen. Sehr lesenswert!

von A. Helling

Des weiteren von Kenzaburo Oe in der Soester Stadtbücherei ausleihbar: „Verwandte des Lebens“ und „Die Brüder Nedokoro“.

Carlos Busqued – Unter dieser furchteregenden Sonne

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Cetarti sitzt gerade kiffend vor einer Dokumentation über Riesenkalmare, als ein Anruf sein Leben auf den Kopf stellt. Ihm wird erzählt, dass seine Mutter und sein Bruder von Molino, dem neuen Mann seiner Mutter hingerichtet wurden. Molino erschoss sich nach der Tat selbst. Nach weiteren Dokumentationen während derer Cetarti genug Joints für die Fahrt baut, sitzt er in seinem Auto Richtung Lapachito. Dort angekommen findet er ein heruntergekommenes, stinkendes, aus rissigen Häusern bestehendes Dorf vor. Nachdem er sich in einer Bar mit Kaffee und Hörnchen gestärkt hat, telefoniert Cetarti mit Duarte, dem „Testamentsvollstrecker“. Sie verabreden ein Treffen bei der Polizei, bei der Cetarti noch eine Aussage tätigen muss. Danach fahren die Beiden zum Friedhof, um die Toten zu identifizieren. Beim Anblick der Leichen wird Cetarti schlecht und er lässt Duarte die Formalitäten erledigen. Duarte bietet Cetarti bei einem Joint an, ihm gegen fifty-fifty, dabei zu helfen, an die Lebensversicherung zu kommen. Diese ist bei einem Sozialwerk der Luftwaffe angelegt. Cetarti beschäftigt eher die Frage, wie Duarte ihn ausfindig machen konnte. Er erhält eine unbefriedigende Antwort, hackt aber nicht weiter nach. Was steckt dahinter?

Das Erstlingswerk von Carlos Busqued beschäftigt sich überwiegend mit den menschlichen Abgründen. Drogenkonsum, wenn auch „nur“ Marihuana. Mord und Selbstmord. Versicherungsbetrug. Analytisches Interesse an sexuellen Grenzen bzw. der nicht vorhandenen Grenzen. Entführungen und Erpressungen. Durch die kurzen Kapitel lässt sich das Buch sehr flüssig lesen. Unterbrochen wird dieser Fluss durch zwei Stellen, in denen Zeitungsartikel abgedruckt wurden. Für sich genommen sind die Artikel sehr interessant. Stören aber insofern, da sie an unpassender Stelle auftauchen bzw. mitten im Text stehen. Alles in allem ein ganz passables Erstlingswerk des Argentiniers.

von A. Helling