Archiv für den Monat März 2013

Wochen-Tipp: „Quasikristalle“ von Eva Menasse

Menasse, Eva Quasikristalle

In 13 Abschnitten verfolgen wir Xane Molins Lebensweg von der 14-jährigen Wiener Schülerin über die Ehe- und Erfolgsfrau bis hin zur Großmutter, die mit einem neuen Partner noch einmal etwas ganz Neues beginnen wird.
Man kann sich vorstellen, daß es gewiß noch mehr aufregende Ereignisse als diese schweißtreibenden 13 Episoden im Leben dieser faszinierenden Frau geben sollte. Geschildert werden ja nur einzelne Facetten aus einem Leben, und das meistens aus der Perspektive anderer Menschen – Familie, Freunde, Mitarbeiter und wem man so im Alltag begegnet … Für die meisten dieser Menschen bleibt die Berührung mit Xane dann auch nicht ohne Blessuren.
Der Titel „Quasikristalle“, so kann man dem Klappentext entnehmen, bezieht sich darauf, daß es „nicht nur Kristalle mit klar symmetrischer, sondern scheinbar ungeordneter Struktur gibt“. Und so ist auch Xanes Lebensweg schwer vorhersehbar – ihren neuen Lebenspartner wird sie gewiß nicht bei Parship kennengelernt haben …

Menbasse, Eva:
Quasikristalle
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2013
ISBN 978-3-462-04513-0

Tipp von Juliane Buff

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Wochen-Tipp: „Die Sekte der Engel“ von Andrea Camilleri

Camilleri, Andreea Die Sekte der Engel

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat das sizilianische Städtchen Palizzolo 7000 Einwohner und 8 Kirchen. Uralte Verwandtschaften und Feindschaften bestimmen das gesellschaftliche Leben von Großgrundbesitzern, Landadel, Honoratioren, Handwerkern, Landarbeitern und armen Leuten.
Wer etwas zu sagen hat, gehört zum Verein „Ehre und Familie“, in den auch der Anwalt Matteo Terisi aufgenommen werden möchte. Allerdings wird sein Antrag abgelehnt, denn sein Engagement für die Armen und gegen Korruption ist den Mächtigen längst ein Dorn im Auge.
Plötzlich verbreitet sich ein schreckliches Gerücht – die Cholera sei ausgebrochen. Panik und Hysterie gefährden die öffentliche Ruhe. Der eilends herbeigerufene piemontesische Polizeipräfekt Montagnet stellt aber zusammen mit Terisi bald fest, daß es um etwas ganz anderes geht …
Ein ungeheurer Skandal wird aufgedeckt – doch letzten Endes kann alles vertuscht werden. Die wahrhaft Schuldigen kommen mit einem blauen Auge davon, leiden und büßen müssen diejenigen, die sich nicht wehren können …
Camilleri nahm einen historischen Fall zum Ausgangspunkt für seinen neuen Roman, der tieftraurig und hochkomisch zugleich ist – zum Staunen!

Camilleri, Andrea:
Die Sekte der Engel
München: Nagel & Kimche, 2013
ISBN 978-3-312-00551-2

Tipp von Juliane Buff

Gelesen im Literaturkreis: „Angerichtet“ von Herman Koch

Noch tagelang ging mir das Buch im Kopf herum: Welche Sorgen müssen Eltern haben, deren Kinder etwas so schlimmes anstellen, wie die in diesem Buch? Was sagt man dann zu den Kindern und wie geht man mit ihnen um? Liefert man sie der Polizei aus? Ja, natürlich, aber … Irgendwann komme ich zu dem Schluss, wie froh man sein kann, wenn die eigenen Kinder erwachsen sind und man solche Gedanken nicht haben und solche Entscheidungen nicht treffen musste.

Der ganze Roman rankt sich um ein Abendessen, zu dem die beiden Elternpaare sich treffen wollen, um über ihre Kinder zu reden und darüber, wie sie mit der Situation umgehen wollen. Zu jedem Gang des Menüs gibt es neue Informationen. Und so ist es nur folgerichtig, das Buch in Aperitif, Vorspeise usw. zu untergliedern. Das hat manchmal etwas langatmiges.

Bereits beim Aperitif ist klar, dass zwei Söhne der beiden Ehepaare etwas schlimmes gemacht haben. Was es ist, erfährt der Leser erst nach und nach. Je weiter der geschilderte Abend fortschreitet, desto mehr spitzt sich die Situation zu. Erst ganz am Schluss – oder sogar erst, wenn man nach beendeter Lektüre über das Buch nachdenkt – merkt der Leser, dass die Personen, die als verrückt geschildert sind, die eigentlich normalen sind und umgekehrt. Das ist so subtil und gleichzeitig meisterhaft gemacht, dass es einem zunächst gar nicht auffällt.

Ebenfalls toll dargestellt ist die Unsicherheit der vier Erwachsenen im Umgang miteinander. Wer weiß wie viel und was? Selbst beim eigenen Ehepartner ist das nicht klar. Und jeder versucht den anderen zu schonen.

Das Thema ist zeitgemäß und interessant. Geht es doch um die Frage, wie weit sind Eltern bereit für ihre Kinder zu gehen und darum, wie mit einer solchen Tat in der Familie umgegangen wird. Schwach ist die Lösung, die der Autor anbietet: Alles ist nur aufgrund eines genetischen Defektes geschehen, den der Vater an den Sohn vererbt hat. Das ist mir zu einfach.

Herman Koch: Angerichtet
310 Seiten
Kiepenheuer & Witsch; ISBN: 3462043471, 9,99 Euro

Elisabeth Dietz, Literaturkreis

Gelesen im Literaturkreis: „Zwei alte Frauen“ von Velma Wallis

Das kleine Büchlein ist eine Legende aus Alaska. Sie spielt in den kalten Polarregionen und handelt von den Nomaden, die in dieser unwirtlichen Gegend auf der Suche nach Nahrung umherzogen. Fand eine Nomadengruppe nicht genug und wurden Hunger und Kälte zu schlimm, war es nicht unüblich, die Alten zurück zu lassen.

Als es nach vielen Jahren wieder einmal soweit ist, trifft es zwei alte Frauen, die selbst nie damit gerechnet hatten. Doch statt sich einfach dem Tod zu überlassen, versuchen sie zu überleben. Davon handelt das Buch und mehr wird nicht verraten …

 

Wallis, Velma: Zwei alte Frauen
2010, Piper-Verlag , 7.99 EUR

Elisabeth Dietz, Literaturkreis

Bibliothekartag in Leipzig

P1030049

Brillenputztuch mit Leipziger Innenstadtplan, Kugelschreiber, Schlüsselbänder, Bürotassen, Einkaufswagen-Chips, Lesezeichen, Broschüren, Prospekte, T-Shirts und sogar Törtchen für die zu Hause gebliebenen Kolleginnen – solches und noch viel mehr, vor allem neue Erkenntnisse brachten wir vom Bibliothekartag in Leipzig mit 🙂

Wochen-Tipp: „Das rote Haus“ von Mark Haddon

Haddon, Mark Das rote Haus

Jahre nach dem Tod des Vaters ist nun auch Angelas und Richards Mutter gestorben – um die zuletzt demente Frau haben sich die beiden Geschwister, die sich seit langer Zeit nicht mehr viel zu sagen haben, mehr oder weniger einvernehmlich gekümmert.
Nun hat Richard seine Schwester mit ihrer Familie für eine Woche in ein walisisches Ferienhaus eingeladen zu einem gemeinsamen Familienurlaub.
Da gibt es allerhand familiäre Altlasten aufzuarbeiten und auch die aktuellen Probleme treten in der ungewohnten Umgebung schärfer zutage. Jeder hat sein Päckchen zu tragen – der erfolgreiche Facharzt Richard, seine zweite Frau Louisa mit ihrer Tochter Melissa aus erster Ehe,  Angela (deren gesamtes Leben überschattet ist durch ein Trauma vor fast zwei Jahrzehnten), ihr Mann Dominic, der erfolglose Musiker, der nicht so recht weiß, wie er sich aus einer Liebesaffäre herauswinden soll, die heftig pubertierenden Jugendlichen Alex und Daisy, und selbst der 8-jährige Benjy wird von Nacht- und sonstigen Gespenstern geplagt.
„Was hatte es mit diesem Haus nur auf sich? Wie es sie alle aus der Bahn warf  […] Vielleicht haßte sie deshalb alte Häuser, weil wir alle frühere Leben hatten, die dort aufgewirbelt werden.“
Und obwohl Dominic knapp 20 Seiten vor Schluß behauptet: „Noch vierzehn Stunden. Wir haben es geschafft, ohne einander umzubringen“  kann man sich da gar nicht so sicher sein …
In kurzen Abschnitten von höchstens zwei Seiten wird aus der Perspektive jeweils einer anderen Person erzählt, manchmal auch von niemandem, manchmal erschließt es sich dem Leser vielleicht erst nach ein paar Zeilen, wer hier spricht. Das ist wirklich fesselnd und intelligent erzählt!

Haddon, Mark:
Das rote Haus
München: Blessing, 2012

Tipp von Juliane Buff