Archiv für den Monat August 2011

Wochen-Tipp: „Mach mal Feuer, Kleine“ von Martin Šmaus

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Nur zu gut erinnere ich mich an die Schlagzeilen 1999 um die „Mauer von Ústí“: In der nordböhmischen Stadt Ústí nad Labem (Aussig) sollte eine 65 m lange und 1,80m hohe Mauer die heruntergekommenen Mietskasernen der Roma von der nebenan liegenden Siedlung „weißer“ Tschechen trennen – ein krasses Beispiel für den Umgang mit Minderheiten. Das Scheitern der sozialen Integration der Roma in Tschechien schildert Martin Šmaus am Einzelschicksal des Andrejko Dunka, der in den 70-er Jahren in einer ostslowakischen Zigeunersiedlung zur Welt kommt und dessen Weg quer durch das Land über das nordmährische Ostrava über Prag nach Pilsen führt, wohin Mitglieder der Sippe schon vorausgezogen sind.
In den Städten ändert sich das Leben der Roma-Gemeinschaft – die bisher von der Hand in den Mund lebten, vom Pferdehandel, Musik, Kesselflicken und Gelegenheitsarbeiten, und dabei doch Bestandteil der dörflichen Kultur waren, verlieren ihre Wurzeln. Jetzt bekommen sie Wohnungen zugewiesen und sollen regulärer Arbeit nachgehen, aber für die Familie, die an „Sonne, Sterne und Schlamm“ gewöhnt ist, haben elektrisches Licht und sauberes Leitungswasser keine große Bedeutung. In kürzester Zeit demolieren sie die Wohnungen, weil sie Türen, Fenster und Treppen nicht brauchen, dagegen lernen sie schnell, vom Sozialamt und vor allem vom Kindergeld und Frührente zu leben. Auch die Jugendlichen suchen nach neuen Wegen: Einbruch, Autodiebstahl und Raubüberfälle sind ebenso an der Tagesordnung wie Alkohol und Prostitution. Schwierigkeiten mit der tschechischen Sprache und Mobbing in der Schule führen dazu, dass Roma-Kinder in Sonderschulen landen und keine qualifizierte Ausbildung erhalten. Besserungsanstalt und Gefängnis sind dann weitere Stationen in ihrem Leben.
Andrejko, der als Vierjähriger durch seine Fingerfertigkeit auffällt, wird von „Onkel“ Fero mit nach Westen genommen: Aus dem Jungen soll ein exzellenter Taschendieb werden. Doch Andrejko kann sich an dieses Leben nicht gewöhnen. Das ostslowakische Dorf in den Waldkarpaten bleibt sein Sehnsuchtsort, immer wieder treibt es ihn dorthin zurück.  Aber auch hier gelingt die Integration nicht wirklich.
Den Titel des Buchs „Mach mal Feuer, Kleine“ entnimmt Martin Šmaus einem Lied, das die Zigeuner nur für sich singen – früh am Morgen, wenn sie ihre Instrumente weggelegt haben und nicht mehr für die „Gadsche“ spielen: „Das Lied öffnete ihre Herzen“ – unendliche Traurigkeit manifestiert sich darin.
Das Buch ist sprachlich bewundernswert (wie von einem tschechischen Autor nicht anders zu erwarten) und von Eva Profousová großartig übersetzt (so gut, dass ich mir gleich noch ein anderes von ihr übersetztes Buch gekauft habe) – oft habe ich ganze Passagen wegen ihrer sprachlichen Schönheit gleich mehrmals gelesen.
„Mach mal Feuer, Kleine“ ist der erste Roman des tschechischen Autors (* 1965), er wurde bei seinem Erscheinen 2006 in Tschechien als „Entdeckung des Jahres“ gefeiert und wurde mit dem bedeutenden tschechischen Litarturpreis „Magnesia Litera“ ausgezeichnet.

Šmaus, Martin:
Mach mal Feuer, Kleine
München: dtv, 2011
358 S.
dtv ; 24827 : dtv-premium

Tipp von Juliane Buff

Loriot und die Steinlaus

„Ein Leben ohne Loriot ist möglich, aber sinnlos“, schreibt Josef Engels in seinem Nachruf in der WELT – das können wir Bibliothekare natürlich nur bestätigen. Ganz unverzichtbar bei unseren Rechercheübungen für Schüler sind jedenfalls Loriots Erkenntnisse über die Steinlaus. Wer hätte gedacht, dass man nicht nur „Wikipedia“-Artikel mit Vorsicht genießen sollte, sondern dass auch seriöse gedruckte Nachschlagewerke ab und zu nicht ganz ernst gemeinte Informationen vermitteln? Aber schließlich wollen auch Wissenschaftler mal ihren Spaß haben, und so ist es uns immer ein besonderes Vergnügen, bei unseren Übungen eine naturwissenschaftlich interessierte Schülerin oder Schüler auszuwählen und sie aus dem hoch angesehenen medizinischen Wörterbuch „Pschyrembel“ den Artikel über die Steinlaus vorlesen zu lassen…

Wochen-Tipp: „Simons Katze – Der Zaunkönig“ von Simon Tofield

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Wer ein Fan von Simon Tofield’s Zeichnungen ist, sollte sich dieses Buch nicht entgehen lassen.
Man merkt genau,dass er selbst Katzen hat und deren Verhalten genau beobachtet und studiert hat.
Dieses Mal spielt die Geschichte außerhalb der Wohnung, die Katze macht lustige neue Tierbekanntschaften,
tollpatschig und frech aber immer echt lustig.

Dieses Buch kann ich nur empfehlen und jeder Katzenbesitzer wird seine Katze in diesem Buch wiederfinden.

Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (11. Oktober 2010)
ISBN-10: 3442312345
ISBN-13: 978-3442312344
Originaltitel: Simon’s Cat beyond the fence

Tipp von Iwona Plonus

Wochentipp: DVD „Der kleine Nick“

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„Der kleine Nick“, diese herrlichen Geschichten von Jean-Jacques Sempé und René Goscinny über den kleinen französischen Lausbuben und seine Freunde zu einem Spielfilm verarbeitet – das konnte ich mir, als ich davon hörte, überhaupt nicht gut vorstellen. Ich habe mir den Film dann aber doch angeschaut – und bin sehr angenehm überrascht worden.
Die Rahmenhandlung:
Der kleine Nick findet sein Leben eigentlich prima, bis eines Tages sein Freund Joachim ein Brüderchen bekommt. Er beklagt sich, dass der Neuankömmling nun alle Aufmerksamkeit der Eltern und Verwandten auf sich zieht. Bald darauf kommt dieser Freund nicht mehr zur Schule. Da dort gerade über das Schicksal des kleinen Däumlings gesprochen wurde, vermuten Nick und seine übrigen Freunde – Chlodwig, der Klassenletzte, der gefräßige Otto, der Polizistensohn Roland, der Raufbold Franz und der steinreiche Georg -, dass Joachim von seinen Eltern im Wald ausgesetzt wurde.
Nun beobachtet Nick bei seinen Eltern plötzlich Verhaltensweisen, die darauf hindeuten, dass seine Mutter schwanger ist. Der „verschwundene“ Freund hatte erzählt, wie verändert seine Eltern miteinander umgingen( z.B. war der Vater plötzlich sehr aufmerksam zur Mutter), bevor das Brüderchen geboren wurde. Der kleine Nick befürchtet, dass ihn ein ähnlich grausames Schicksal ereilen könnte wie Joachim, und zusammen mit seinen Freunden überlegt er, was er tun kann, um seine Stellung als Lieblingskind zu halten.
Der Film ist hervorragend besetzt, die Leichtigkeit und der Humor der Geschichten sind ebenso zu spüren wie in den Büchern. Ich habe von der ersten bis zur letzten Minute gelacht, mal laut, mal mehr in mich hinein. Ein richtig gelungener und hinreißend komischer Familienfilm!
Prima!

Regie: Laurent Tirard
Darst.: Valérie Lemercier, Kad Merad, Maxime Godart
FSK: o.A.

Wochentipp von Brigitte Weber

Wochentipp: DVD – „Rebecca“

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Diese Woche mal ein Klassiker aus dem Jahr 1940: Hitchcocks Verfilmung von Daphne Du Mauriers Roman „Rebecca“.

„Rebecca“, mittlerweile auch als Musical auf die Bühne gebracht, ist die Geschichte einer jungen Frau, Gesellschafterin einer wohlhabenden älteren Dame, die auf einer Reise, auf die sie ihre Arbeitgeberin begleitet, den jungen Witwer Maxim de Winter, Eigentümer des berühmten Anwesens Manderley, kennenlernt.

Von Anfang an ist die junge Frau aus einfachen Verhältnissen, deren Name ungenannt bleibt, fasziniert von dem selbstbewussten Mann aus gutem Hause und kann ihr Glück kaum fassen, als de Winter ihr kurzentschlossen einen Heiratsantrag macht. Doch die Frischvermählten können ihre Zweisamkeit nur kurz genießen.

Zurück aus den Flitterwochen muss die neue Schlossherrin feststellen, dass Maxims verstorbene Frau Rebecca, die vor einem Jahr bei einem Bootsunfall ums Leben kam, immer noch allgegenwärtig ist. Die an sich schon zurückhaltende junge Frau wird vor allem durch die Haushälterin Mrs. Denvers eingeschüchtert, die ihr mit ihren Vergleichen mit Rebecca das Leben schwer macht und eindeutig signalisiert, dass Manderley und der Platz an Maxims Seite ihr nicht zustehen.

Rebecca erscheint als die perfekte Frau, die von allen geliebt und verehrt wurde – vor allem von Maxim, da ist sich die Protagonistin sicher. Doch dann wird Rebeccas Leiche geborgen, es kommen Zweifel am Unfalltod und auf einmal lastet Mordverdacht auf Maxim. Doch warum sollte ihr Mann die Frau umbringen, die er doch über alles liebte – die perfekte Frau, die jeder liebte? Und plötzlich entsteht ein neues, ein ganz anderes Bild dieser Rebecca und ihrer Beziehung zu Maxim …

Mysteriös und spannend – Hitchcock eben. Gekonnte Kameraführung fängt die drückende, geladene Atmosphäre ein. Detailaufnahmen vom Schriftzug „Rebecca“-  auf Kissen, auf Briefumschlägen, auf Taschentüchern … – vermitteln dem Zuschauer schnell ohne viel Schnickschnack die Gefühle der jungen Ehefrau.

„Rebecca“: Ein Klassiker, der in schwarzweiß die Stimmung des Films optimal unterstützt. Ein Film, der durch die gut umgesetzte Story und nicht zuletzt durch seine fantastischen Schauspieler – vor allem seien hier Joan Fontaine als Mrs. de Winter, Sir Laurence Olivier als Maxim de Winter und Judith Anderson als Mrs. Denver genannt – überzeugt.

Regie: Alfred Hitchcock
Darsteller: Sir Laurence Olivier, Joan Fontaine, George Sanders, Judith Anderson …
FSK: Ab 16 Jahren

Tipp von: Lara Döding

Wochen-Tipp: „Hobalala“ von Marc Fischer

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 In diesem Buch begegnen sich zwei, die von ihrem Metier besessen sind: Der Journalist Marc Fischer macht sich auf die Suche nach der brasilianischen Musikerlegende Joao Gilberto, der „Seele des Bossa Nova“.
Das Lied „Ho-ba-la-la“ – kaum länger als zwei Minuten – hörte Fischer 15 Jahre früher, als er aus einer persönlichen Krise nach Tokio entflohen war. Sofort war er von der leisen Musik infiziert: „Was wir gehört hatten, war die Essenz von etwas.“ Vor seiner Recherche weiß Fischer über den Musiker bereits: „Es ist etwas Dunkles an ihm. Er verändert die Menschen, die mit ihm zu tun haben. Er wird auch dich verändern.“ Fünf Wochen lang setzt Fischer alles daran, in  Brasilien dem Sonderling, der ganz und gar in seiner Musik aufgeht, auf die Spur zu kommen. Viele seltsame Geschichten werden über Joao Gilberto berichtet: er sei extrem kontaktscheu und doch mit zahlreichen Handys ausgestattet, er spiele stundenlang Gitarre (immer wieder dasselbe Stück bis zur Perfektion), er spreche mit Katzen und übe einen fast dämonischen Einfluß auf die Menschen aus.
Fischer hat seine alte Gitarre mitgebracht und sich in den Kopf gesetzt, Gilberto möge ihm „Ho-ba-la-la“ auf diesem Instrument vorspielen, er macht alte Weggefährten des Musikers aus, versucht vergeblich, die Adresse herauszufinden und erwägt sogar, dem Katzenliebhaber eine kleine Katze zum Geschenk zu machen. Er reist bis in die kleine Stadt Diamantina, wohin sich Joao Gilberto nach ersten Erfolgen in Rio zurückzog und dort in einem winzigen Badezimmer seinen neuen Stil entwickelte. Wie Marc Fischer dort mit seiner Gitarre stümperhaft Gilbertos Experimente nachvollzieht, schildert er geradezu überwältigend.
Mehr und mehr verklammern sich die beiden Geschichten – die des Musikers und die des Journalisten. Zu einer Begegnung kommt es letztendlich doch nicht – „Ho-ba-la-la“ erklingt nur am Telefon um 4 Uhr morgens, und Fischer muß den Fluch mit zurück nach Deutschland nehmen, „wo nichts mehr so ist, wie es vorher war“.
Marc Fischer starb im April und hat das Erscheinen seines Buchs nicht mehr erlebt, das jetzt im Juli/August auf Platz 2 der SWR-Bestenliste gesetzt wurde.

Fischer, Marc:
Hobalala : auf der Suche nach Joao Gilberto
Frankfurt am Main: Zweitausendeins, 2011
220 S. : Ill.

Zum Hören:
Getz / Gilberto / Stan Getz ; Joao Gilberto
Verve, 2005
1 CD
Chega de Saudade / Joao Gilberto
CherryRed, 2010
1 CD 

Tipp von Juliane Buff