Archiv für den Tag 13. September 2010

Wochen-Tipp: „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“ von Moritz Rinke

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Der erste Satz ist ein aussichtsreicher Kandidat im Wettbewerb der schönsten Romananfänge:
„Seine Kindheit, das hatte die Baufirma Brüning auch gar nicht mehr zu beschönigen versucht, würde in der Mitte auseinanderbrechen, eher früher als später, in zwei Teile.“
Der Galerist Paul muß sich für seine vielfältigen Probleme schon ein Notizbuch anlegen: Seine eben eröffnete Galerie in Berlin wird höchstens vom noch ungefönten Hund aus dem benachbarten Hundesalon besucht oder von den Kunden des Optikers nebenan, die an den hier ausgestellten Bildern ihre neuen Brillen ausprobieren. Pauls Fernbeziehung zu Christina in Barcelona gestaltet sich sehr unbefriedigend, und da erreicht ihn auch noch die Nachricht, daß das Haus seines Großvaters in Worpswede im Moor zu versinken droht.
Paul ist im großelterlichen Haus aufgewachsen, Großvater Paul Kück –  der „Rodin des Nordens“ – war ein bedeutendes Mitglied der Künstlerkolonie Worpswede und wird ausgerechnet in diesem Jahr als „Künstler des Jahrhunderts“ ausgezeichnet (eine Auszeichnung, die jährlich vergeben wird …), also muß umgehend etwas zur Rettung des Hauses getan werden. Und vor allem zur Rettung der zahlreichen Bronzeskulpturen des Großvaters, die immer noch im Garten ausgestellt sind, und jetzt ebenfalls ins Moor absacken. Kein leichtes Unternehmen, denn es ist nicht nur sehr kostspielig, sondern ganz aus Versehen kommt auch noch die nationalsozialistische Vergangenheit ans Licht – ganz erstaunlich, was so alles im Moor herumliegt!

Moritz Rinke ist in Worpswede geboren, und deshalb ist es ihm gern erlaubt, die Künstlerkolonie durch den Kakao zu ziehen (und viele andere Künstlerdörfer, -häuser und -kolonien ebenfalls):
 „Du kannst dir nicht vorstellen, was das für eine Mischung war“, sagte Paul. “ 50 Prozent Künstler, Irre und Hanseaten. 50 Prozent Bauern mit Kühen und Menschen mit inneren Kühen!“ – „Was sind denn innere Kühe?“,  fragte sie. „Innere Kühe sind schwere Seelen, die niemals das Moor verlassen können“, antwortete er.
Die Worpsweder kann man außerdem auch noch einteilen in Menschen mit Gardinen (Bauern und Handwerker) und Menschen ohne Gardinen (Künstler), und Kühe sind hier überhaupt unverzichtbar – in dieser ironischen Schilderung erfahren wir eine Menge über Worpswede gestern und heute und werden bestens unterhalten!
Bei der Lektüre wünschte ich mir manchmal sehr, daß dieser Roman einmal verfilmt wird – und freute mich dann sehr auf S. 225: Vielleicht half es, sich das Ganze als Film vorzustellen? So würde er gern deutsche Geschichte im Kino sehen, dachte Paul. Er legte sich ins Bett und überlegte, wer seine Rolle spielen könnte.“ – Ich bin fast sicher, daß Moritz Rinke da schon konkrete Vorstellungen hat …

Rinke, Moritz:
Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2010
481 S.

Tipp von Juliane Buff

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