Archiv für den Monat Dezember 2009

Wochen-Tipp: „Die Flucht nach Ägypten : Königlich böhmischer Teil“ von Otfried Preußler

Die Flucht nach Ägypten / Otfried Preußler

 Seit langer Zeit kennen und lieben wir Otfried Preußlers kleine Hexe, den kleinen Wassermann und den Räuber Hotzenplotz, und auch die Geschichte vom Zauberlehrling Krabat in der Mühle im Koselbruch von Schwarzkollm ist ein viel gelesenes Buch. Nicht so bekannt ist aber vielleicht, daß Preußler auch ein Buch für Erwachsene geschrieben hat, in dem er wie in seinen anderen Werke Stoffe aus seiner nordböhmischen Heimat verarbeitet:

Auf der Flucht vor den Häschern des Königs Herodes führt der Weg Maria, Josef und das liebe Jesulein von Bethlehem durch die Lausitz, Böhmen und Schlesien. Doch der alleroberste Oberteufel hat Herodes den Gedanken eingegeben, sich telegrafisch an den Kaiser Franz Joseph in Wien zu wenden und um Amtshilfe zu bitten, und so verfolgen die Beamten der k.u.k. Monarchie gemeinschaftlich mit dem Herrn Teufel Pospišil die Heilige Familie. Auf ihrem Weg am Isergebirge und Riesengebirge entlang werden sie aber behütet vom Erzengel Gabriel in Gestalt des Eselchens, und dagegen kann nicht einmal der Herr Teufel Pospišil etwas ausrichten, auch wenn er sich des Metzgerhunds Tyras bedient, um so die Spur der bethlehemitischen Wandersleute besser verfolgen zu können.

Mitten im Alltagsleben der böhmischen Dorfbewohner und Kleinstädter spielt sich die Weihnachtsgeschichte ab, eine ganze versunkene Welt ersteht neu vor unseren Augen, manches Brauchtum wird lebendig. Und zahllose Wunder geschehen, kleine und große  – nicht immer das, was der Leser vielleicht vorschnell erwartet, wie etwa in der Erzählung vom kleinen Pepiček, der den Einbruch im Eis nicht überlebt, …“aber wer weiß, was gerade im Königreich Böhmen der Pepiček sich vielleicht erspart hat mit seinem frühen Tod? Das kann niemand sagen.“

Otfried Preußler, der aus Liberec / Reichenberg stammt, ist ein erstklassiger Kenner böhmischer und schlesischer Volkskunde, er schildert in diesem Buch auch das Zusammenleben der Deutschen und Tschechen vor dem 2. Weltkrieg.

Ein bezauberndes Buch nicht nur zur Weihnachtszeit: Die Reiseroute der Heiligen Familie von Hielgersdorf (Severní) bis Schatzlar (Žacléř) kann man mindestens auf der Landkarte nachvollziehen – für die deutschen Ortsnamen gibt es im Internet Übersetzunghilfen, z.B. Tschechien-online oder Wikipedia. Eine wunderschöne Gegend, in der ich mich schon manchmal ganz herrlich verfahren habe – es war wohl der Erzengel Gabriel nicht mit mir unterwegs …

Preußler, Otfried:
Die Flucht nach Ägypten : Königlich böhmischer Teil
Stuttgart: Ed. Weitbrecht, 1984
376 S.

Tipp von: Juliane Buff

Silvesterlesung am 29.12.2009: Alfred Kerr – „… es pfeift Ihr Nein, es ehrt Ihr Ja“

Lovis Corinth: Porträt Alfred Kerr

Wie in den vergangenen Jahren sind auch dieses Jahr die Literaturfreunde nach der letzten Öffnungsstunde im Jahr in die Stadtbücherei eingeladen um zu hören, was Schriftstellern zu Silvester eingefallen ist.
Dieses Jahr stellt Frau Dr. Franziska Dokter (Freundeskreis Stadtbücherei Soest e.V.) Leben und Werk des Journalisten und Kritikers Alfred Kerr (1867-1948) vor und liest unter anderem aus seinen Briefen aus Berlin.
Die Lesung findet statt am Dienstag, 29.12.2009 um 18.00 Uhr, die Veranstaltung ist kostenlos. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Wochen-Tipp: „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ von Andreas Steinhöfel

rico.jpg

Von Hochbegabten habe ich in den letzten Jahren viel gehört, es gibt auch etliche Bücher über sie. Dieses Buch handelt von einem „Tiefbegabten“ (so nennt er sich selbst), nämlich Rico, der zwar viel, aber langsamer denkt als andere und in dessen Kopf  „es manchmal so durcheinander wie in einer Bingotrommel“ zugeht.

Rico lebt mit seiner Mutter in einem 6-stöckigen Mietshaus in Berlin-Kreuzberg. Die Mutter arbeitet in einem Nachtclub, kleidet und frisiert sich entsprechend, und auf der Straße sehen ihr die Männer hinterher. Sie schläft bis zum Nachmittag und kocht nicht gesund und auch eher selten. Auf ihre nachlässige Weise geht sie aber doch liebevoll und fürsorglich mit ihrem Sohn um,  und er hält große Stücke auf sie.

Jeden Dienstag gehen die beiden zum Rentnerclub „Graue Hummeln“, wo sie Bingo spielen. Ricos Mama gewinnt dabei meistens. Als Preise gibt es billige Plastikhandtaschen, die sie bei ebay versteigert.

Da Rico große Orientierungsprobleme hat, hat er Angst davor, seine Straße, die „Dieffe“  zu verlassen. Zum Glück liegt sein Förderzentrum am Landwehrkanal, wohin er nur einmal abbiegen muss. Weil seine Welt also recht klein ist, erforscht er die nähere Umgebung umso intensiver. Die Nachbarn im Haus kennt er ganz gut und schellt öfter mal bei ihnen an. Am häufigsten hält er sich bei Frau Dahling auf, die bei Karstadt an der Fleischtheke arbeitet. Sie hat ihren Mann rausgeworfen, weil er sie betrogen hat. Zum Trost hat sie sich einen Flachbild-Fernseher mit DVD-Player gekauft, und sieht sich mit Rico oft Liebesfilme oder Krimis an. Dazu serviert Frau Dahling Müffelchen (Schnittchen), die Rico fast mehr interessieren als die Filme.

Rico hat Ferien und soll als Hausaufgabe ein Tagebuch führen. Das ist die Erzählperspektive des Buches. Er erzählt auf seine unkonventionelle und sehr offene Weise, voll Witz und Scharfsinn. Er beobachtet sehr gut und durchschaut die Erwachsenen ziemlich genau. Er ist auch wissbegierig, schlägt Wörter, die er nicht kennt, nach oder läßt sie sich erklären, und er ergänzt deren Bedeutung durch seine eigenen sehr originellen Erklärungen und Gedanken, z.B. das Wort Paravent „leicht zu verwechseln mit diesem Affen mit dem knallroten Hintern“. Er findet, dass wir den Spaniern dankbar sein können, dass sie den Paravent erfunden haben und damit eventuell den Bewohnern von Kamtschatka zuvorgekommen sind, da „Spanische Wand“ vergleichsweise gut auszusprechen ist.

Was Rico noch fehlt, ist ein Freund. Bei seinen Ausflügen in die Nachbarschaft lernt er einen Jungen namens Oskar kennen, der jünger ist als er und einen Motorradhelm trägt. Der fragt Rico gleich: „Kann es sein, dass du ein bisschen doof bist?“ und er erzählt, dass er selbst hochbegabt sei, was er auch schnell unter Beweis stellt. Er hat auf seine Weise eine ungewöhnliche Sicht der Welt. Rico kennt Hochbegabte nur aus dem Fernsehen. Bei „Wetten, dass…“ hat er mal so ein Kind gesehen. „Da war ein Mädchen gewesen, das spielte wie eine Bekloppte irgendwas total Schwieriges auf der Geige, und gleichzeitig rief der Gottschalk ihr kilometerlange Zahlen zu und sie musste dann sagen, ob es eine Primzahl war oder nicht“. Rico mag Oskar, findet ihn aber auch ziemlich seltsam. Ihm fällt auf, dass er selbst – der viel weniger Intelligente – doch viel zufriedener ist als der neue Freund und versucht sich das zu erklären.

Das Buch ist auch eine spannende Detektivgeschichte. In Berlin treibt ein Kindesentführer sein Unwesen, Mister 2000 oder Aldi-Kidnapper genannt, weil er für die Herausgabe seiner Opfer nur 2000 € Lösegeld verlangt. Rico glaubt nicht, dass seine Mutter soviel Geld hat und spart deshalb auch selbst schon für seine eventuelle Entführung.

Nachts, wenn er nicht schlafen kann (z.B. nach einem spannenden Krimi bei Frau Dahling) beobachtet er im Hinterhaus, das nach einer Gasexplosion nicht mehr betreten werden darf, unheimliche, sich bewegende Schatten, die er „Tieferschatten“ nennt. Und dann kommt Oskar nicht zu ihrer Verabredung, und am Abend erfährt Rico aus dem Fernsehen, dass sein neuer Freund von Mister 2000 entführt wurde.

Rico nimmt all seinen Mut zusammen und verlässt auf der Suche nach Oskar sogar sein vertrautes Revier. Er kann – trotz seiner „Tiefbegabung“ recht scharf kombinieren (fast wie Miss Marple, deren Fan er ist) und findet seinen Freund…

Das Buch hat mich von der ersten Seite an gepackt. Ricos Weltsicht ist auf eine witzige und herzerwärmende Bereicherung, seine Sprache ist ehrlich und eigenwillig. Ich habe beim Lesen oft laut gelacht. Er ist ein richtiger kleiner und sehr liebenswürdiger kleiner Held, der Mut macht, man selbst zu sein. Die Freundschaft zwischen den beiden Jungen hat ihre eigene Logik. Beide haben vorher noch keinen Freund gefunden – der eine, weil er den anderen zu klug, der andere, weil er ihnen zu dumm ist…

Deutscher Jugendliteraturpreis 2009

Für Kinder ab 10 Jahren

Steinhöfel, Andreas

 Rico, Oskar und die Tieferschatten

Hamburg: Carlsen, 2008

Wochentipp von Brigitte Weber

Lesefutter zum Fest

Suchen Sie noch eine Geschenkidee für Weihnachten?

Die Stadtbücherei bietet unter dem Motto „Verschenken Sie zu Weihnachten eine ganze Bibliothek“ Gutscheine im Wert einer Jahresmitgliedschaft an.

Sollten Sie also im einen oder anderen Fall noch nicht wissen, was unter dem Weihnachtsbaum liegen könnte, schauen Sie bei uns vorbei!

                      verschenken-sie-zu-weihnachten-eine-ganze-bibliothek.JPG         

                                                                   

Öffnungszeiten während der Festtage

Zwischen den Feiertagen ist die Stadtbücherei Soest am Montag, den 28.12. und Dienstag, den 29.12. geöffnet.

Die Buchrückgabebox ist an den Weihnachtstagen (24.12. – 27.12.) sowie an Silvester und Neujahr geschlossen.

             tannenbaum-klein.JPG                          feuerwerk.JPG                                                                                                 

Wochen-Tipp: DVD „Saint Jacques … Pilgern auf Französisch“

Pilgern auf Französisch

Drei Geschwister, die sich aus den Augen verloren haben, erhalten das Erbe ihrer Mutter erst, wenn sie sich auf den Jakobs-Weg nach Santiago de Compostela machen. Doch sind sie ungläubig und körperlich nicht fit. Clara ist eine illusionslose, schlecht gelaunte Lehrerin, Unternehmer Pierre hängt ständig am Handy und Claude ist bekennender Alkoholiker.

Die drei Geschwister schließen sich einer bunten Reisegruppe an, deren Teilnehmer aus ganz unterschiedlichen Gründen den langen Weg auf sich nehmen. Während der junge Araber Saïd (Nicolas Cazalé) seiner Liebe (Marie Kremer) nahe sein will, die mit einer Freundin (Flore Vannier-Moreau) die ihr geschenkte Reise antritt, glaubt sein hoffnungslos naiver Cousin Ramzi (Aymen Saïdi), dass sie am Ende in „Santiago de Mekka“ ankommen werden. Mathilde (Marie Bunel) hofft dagegen, nach einer überstandenen Chemotherapie neuen Lebensmut zu fassen und ganz nebenbei die Frage nach dem Sinn des Lebens beantwortet zu bekommen.

Nicht zu übersehen sind dabei die Hinweise, dass sich die Reise vor allem auf einer symbolischen Ebene abspielt. In surrealen Traumsequenzen kommt es bei einigen der Teilnehmer zu einer Konfrontation mit den eigenen Ängsten und Sehnsüchten. Für Clara, Pierre und Claude besteht die Aufgabe darin, zu sich selbst zu finden und den langen Weg bis dahin trotz mancher Widrigkeiten zu meistern. Getreu der alten Losung, wonach der Weg das Ziel ist.

Während letztere aus den zuvor genannten Gründen misslingt, schaffen es die exaltierten Charaktere zumindest mit ihren Spleens und Manierismen, den einen oder anderen Lacher zu produzieren. Serreaus Film, dem der hiesige Verleih den Untertitel „Pilgern auf Französisch“ verpasst hat, findet sich trotz höherer Ambitionen und aller dramatischen Untertöne auf dem Niveau einer ganz gewöhnlichen und harmlosen Komödie wieder. Dass er zwei Jahre nach seinem Start in Frankreich nun auch bei uns eine Kinoauswertung erhält, könnte er einem gewissen Hans-Peter Kerkeling zu verdanken haben.

Besetzung: Artus de Penguern, Jean-Pierre Darroussin, Marie Bunel, Muriel Robin, Pascal Légitimus

Regisseu:r: Coline Serreau

Autor: Coline Serreau

Filmlänge  01:47:00
Komödie
 

Tipp von Iwona Plonus

Wochentipp: „Leben im Teufelskreis“ von Maria von Welser

Reiches Deutschland – arme Kinder. 2,5 Millionen Kinder in Deutschland lebten 2008 unter der Armutsgrenze, 86 Prozent davon bei allein erziehenden Müttern. Was läuft falsch in unserem Land – einem der reichsten Länder der Welt? Was wird aus armen Kindern, wenn sie heranwachsende Jugendliche oder junge Eltern werden? Was muss die Politik tun, damit sich die Situation der Kinder in Deutschland verbessert? Was können wir von Nachbarländern wie Frankreich, Schweden, Großbritannien lernen? Maria von Welser widmet sich einem heiklen Thema. An ergreifenden Beispielen zeigt die engagierte Journalistin das wachsende Elend armer Kinder in Deutschland und schockiert mit Berichten von einer Realität, die vielfach ausgeblendet wird. Mit ihrem aufrüttelnden Buch will sie dazu beitragen, dass Politik und Gesellschaft handeln: damit auch die Schattenkinder eine Perspektive für die Zukunft haben.

Man hört oft bei diesem Thema diese Sprüche : Bei uns braucht keiner zu hungern oder sollen die Eltern weniger rauchen
oder Alkohol trinken. Es gibt Einrichtungen, wo man eine warme Mahlzeit bekommt, Tafeln die Lebensmittel verteilen.
Aber wir sprechen hier über Kinder, die unsere Hilfe brauchen, wenn die Eltern dazu nicht in der Lage sind.
Kinder brauchen eine glückliche Kindheit, Geborgenheit, Liebe und Förderung.
Wenn es Befürchtungen gibt, dass das Geld bei den Kindern nicht ankommt, können das meinetwegen
Sachleistungen sein.
Wir müssen alle hinschauen und mithelfen, etwas gegen Kinderarmut zu unternehmen.

Was sind die Auslöser? Was sind die Ursachen!

Hartz IV ist keine Lösung!

Welser, Maria von:
Leben im Teufelskreis
Gütersloh : Gütersloher Verl.-Haus, 2009

Tipp von: Ingrid Koch