Archiv für den Monat November 2009

Wochen-Tipp: „Herr Mozart wacht auf“ von Eva Baronsky

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Als Herr Mozart aufwacht, fühlt er sich frisch und gesund – dabei hatte er doch gerade mit dem Tod gerungen und beim Aderlass das Bewusstsein verloren. Die Krise scheint also überwunden zu sein! Doch die anfängliche Freude schlägt schnell um in Beklommenheit: Seine Stanzi ist nicht da, und seine Umgebung ist ihm völlig unbekannt, die Wohnung mit seltsamen Gegenständen eingerichtet. Befindet er sich etwa doch schon im Jenseits, ist dies das Paradies oder womöglich die Vorhölle? Nur eins ist ihm sofort klar: er muss sein Requiem vollenden.

Auf der Stelle geraten wir mit W.A. Mozart ins Wien des 21. Jahrhunderts, in dem immerhin der Stephansdom noch an der selben Stelle steht. Mozart muss sich mit zahllosen Neuerungen auseinandersetzten. Sehr bald wird ihm klar, dass er sich nicht als „Wolfgang Amadé Mozart“ vorstellen kann, also nennt er sich „Wolfgang Mustermann“ – und schlägt sich genauso durch wie in seinem früheren Leben. Zu seinem Glück begegnet er dem polnischen Straßenmusiker Piotr, der ohne Aufenthaltsgenehmigung in Wien lebt und dort also mindestens so fremd ist wie Mozart, aber wesentlich lebenspraktischer veranlagt.

So entwickelt sich eine Geschichte mit äußerst geschickt ineinander verschlungenen Erzählsträngen, in der natürlich die Musik das Allerwichtigste ist. Unser Mozart lässt sich nicht von U-Bahn, Supermarkt, Telefon, Zentralheizung, CD-Player und anderen Dingen aus der Fassung bringen – in allem ist für ihn Musik. Die „Zeitreise“ („Blödsinn, gibt nur in Film!“ sagt ja auch Piotr) spielt also in diesem Roman gar keine so wichtige Rolle. Viel interessanter ist für Mozart doch das aktuelle Musikleben: Wie kann es denn sein, dass kaum Gegenwartsmusik aufgeführt wird – immer nur Mozart, Wagner, Strauss, also „just das Contraire von etwas Neuem“? Dank der „CD-Büchlein“ ist er in kürzester Zeit mit der Musik der vergangenen 200 Jahre vertraut (Beethoven ist ihm zu schroff, Schubert dagegen sagt ihm sehr zu), und bald wird er in einem Jazzclub heimisch, in dem er auch unbedingt auftreten will. Er komponiert unentwegt, denn Komponieren ist für ihn keine Arbeit, sondern ein Zustand: „Tief in seinem Herzen, tief in seinem Innern war Musik, nichts als Musik, und würde nie etwas anderes sein.“ Sein musikalisches Genie wird bald bewundert, doch der „seltsame Kauz“, dessen Ausdrucksweise ja auch immer die des 18. Jahrhunderts ist, fällt in der modernen Großstadt durch jedes Raster. Das kann auf Dauer nicht gut gehen – und es muss ja auch immer noch an die Vollendung des Requiems gedacht werden, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht …

Lachen und Weinen liegt in diesem Roman nah beieinander – den man übrigens auch mit geringen musikalischen Vorkenntnissen genießen kann!

 

Baronsky, Eva:

Herr Mozart wacht auf

Berlin: Aufbau-Verl. 2009

 

Tipp von Juliane Buff

Wochen-Tipp: „Die Schlangengrube“ von Kate Morgenroth

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Die Buchhändlerin Sofie zieht mit ihrem Mann Dean ins vornehme Greenwich, Connecticut, um endlich Ruhe zu finden. Finanziell ist sie versorgt und schließt sich aus Langeweile und aber auch um Kontakte zu knüpfen dem illustren Krimi-Lesezirkel der ersten Damen vor Ort an, der alle Vorurteile verkörpert.

Bis eines Tages Julia, die Schönste und Eleganteste von allen, an einem Baum in ihrem Vorgarten hängt. Zuerst wird an Selbstmord gedacht, doch Detective Ackermann, den mit dem verwitweten Ehemann bereits eine Vorgeschichte verbindet, vermutet einen Mord – und auch Sofie, die begeisterte Krimileserin, beginnt auf eigene Faust zu ermitteln.

Dabei spielen alle Bewohner des Ortes eine wichtige und interessante Rolle: Witwer Alex, der mit Sofies Ermittlung und Hilfe eigene Ziele verfolgt; Dean, der nicht der treu sorgende Ehemann ist, wie man in den ersten Kapiteln noch denkt; Priscilla, die vor verheirateten Männer keinen Halt macht; Susan, die vor dem Ende ihrer Ehe steht und zu guter Letzt auch Ashley, die als Nachfolgerin der ersten Ehefrau ihres Mannes Stewart bei den Vorortdamen eh keinen guten Stand hat. 

Wer die amerikanische TV – Serie „Desperate Housewives“ kennt und sich vielleicht auch gerne ansieht, weiß was einen erwartet: ein perfekter Vorort, Intrigen, Geläster, Neid, schamloses Fremdgehen, alles garniert mit einem Mord. Das Verwirrspiel aus echten und gelegten Spuren, die Beziehungen der Personen untereinander, die Frage „Wer war’s?“ und das Makabre lassen Kate Morgenroths Krimi aus der Masse herausstechen.

Als Leser kann man in relativ kurzen Kapiteln, die jeweils von bestimmten Personen und deren derzeitige Situation handeln, miträtseln und erhält Stück für Stück weitere Puzzleteile. Wenn man denkt, man hätte endlich des Rätsels Lösung, macht das große Überraschungsfinale die Story schließlich perfekt.

Mein letzter Gedanke war: Damit habe ich jetzt wirklich nicht gerechnet! Zeitweilig war ich zwar geschockt von soviel Schamlosigkeit, Raffinesse und Verschlagenheit, aber gerade diese Zutaten machen „Die Schlangengrube“ wirklich empfehlenswert.

Morgenroth, Kate:

Die Schlangengrube

München: Knaur-Taschenbuch-Verl., 2009

Tipp von: Susanne Atorf

25.11.2009 Autorenlesung: Kerstin Decker liest “Mein Herz – Niemandem” Das Leben der Else Lasker-Schüler

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Am Mittwoch, 25.11.2009 um 20.00 Uhr laden wir Sie ein zu einer Lesung mit Kerstin Decker:

Im Berlin der Jahrhundertwende schrieb Else Lasker-Schüler (1869-1945) ihre ersten Gedichte, war in zweiter Ehe mit dem Schriftsteller und Avantgarde-Förderer Herwarth Walden verheiratet, zeitweise mit Gottfried Benn liiert, mit Georg Trakl befreundet. Franz Marc malte ihr seinen berühmten “Turm der blauen Pferde”. Sie stand im Zentrum des künstlerischen Aufbruchs. der in Literatur, Kunst und Musik völlig neue Wege beschritt. Ihr Werk ist stark autobiographisch geprägt und vereinigt phantastische und religiöse Elemente mit einer ausgeprägten Naturliebe. 1932 mit dem angesehenen Kleist-Preis ausgezeichnet, musste sie nur ein Jahr später vor den Nationalsozialisten in die Schweiz fliehen, von wo aus sie 1939 nach Palästina emigrierte. Dort starb sie 1945, ihr Grab liegt auf dem Ölberg in Jerusalem.

Kerstin Decker, geboren 1962 in Leipzig, ist promovierte Philosophin, Reporterin des “Tagesspiegel” und Kolumnistin der “taz”. Sie lebt in Berlin und hat sich mit viel beachteten Biographien über Heinrich Heine und Paula Modersohn-Becker einen Namen gemacht. Mit Else Lasker-Schüler, lange verkannt und vergessen und erst in jüngerer Zeit wiederentdeckt, hat sie sich seit vielen Jahren intensiv befasst. Ihre “federnd leichte” (Der Spiegel), szenische Erzählweise ist wie geschaffen, um dieser faszinierenden Frau ein Denkmal zu setzen.

Eine Veranstaltung der Ritterschen Buchhandlung und der Soester Bücherstube Ellinghaus

Eintritt: 6,00 / 3,00 €

Wochen-Tipp: „Die Karte meiner Träume“ von Reif Larsen

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„Mittelmäßigkeit ist eine Pilzkrankheit des Geistes“, behauptet Dr. Clair Spivet gelegentlich – ganz sicher kann man sich diesen Pilz beim Lesen dieses Buchs nicht einfangen. Der Erstlingsroman des jungen Amerikaners Reif Larsen hat es jetzt erfreulicherweise auch bei uns auf die Bestsellerliste geschafft:

Tecumseh Sparrow Spivet, genannt T. S., beschäftigt sich seit langem damit, Karten zu zeichnen. Das hilft ihm dabei, seinen Platz in der Welt zu bestimmen. Nichts ist vor seinem Zeichenstift sicher, alles kann in Diagrammen dargestellt werden – wie man Gott die Hand schüttelt, Newtons Gesetze, die falschen Töne aus der Oboe seiner Schwester Gracie, die Regelmäßigkeit, mit der sein Vater Whiskey trinkt, Interaktionsmuster am Abendbrottisch … In seinen Zeichnungen will er Unsichtbares sichtbar machen: „Eine Karte ist mehr als Striche und Punkte […] sie verzeichnet nicht nur, sie erschließt und schafft Bedeutung, sie ist ein Brückenschlag zwischen hier und dort, zwischen scheinbar unvereinbaren Ideen.“ Im Stadtarchiv schmökert er in Geburts- und Sterberegistern, sein Physiklehrer hält ihn für einen Klugscheißer – aber eines Tages erhält er einen Anruf aus der weltbekannten Smithsonian Institution. Für die Illustration des Bombardierkäfers „Brachinus crepitans“, an der er vier Monate gearbeitet hat, wird er einen Preis für herausragende Leistungen in der Vermittlung populärwissenschaftlicher Sachverhalte bekommen. Leider ist in Washington niemandem klar, daß der begabte Wissenschaftler im fernen Montana erst 12 Jahre alt ist … Nun steht T.S. vor einer schweren Entscheidung. Immerhin weiß er spätestens seit der Begegnung mit einer Klapperschlange, vor der er Ziegenbock Stinky retten will, daß sein Platz nicht auf der kleinen Farm seines Vaters ist. Und so macht er sich bei Nacht und Nebel auf die gefahrvolle Reise als blinder Passagier im Güterzug in das über 2000 Meilen entfernte Washington, natürlich nicht ohne vorher eine präzise Inventarliste des Reisegepäcks anzufertigen. Im Gepäck hat er auch Notizbücher seiner Mutter, der Wissenschaftlerin Dr. Clair Spivet, die seit Jahren erfolglos nach dem Tigermönchkäfer sucht …

Mehr mag man von Inhalt wirklich nicht verraten. Interessant ist die Gestaltung des Buchs: Der Satzspiegel läßt breite Ränder frei, auf denen immer wieder T.S.‘ gezeichnete Diagramme zu sehen sind. An den vielen freien Stellen bekommt man wirklich Lust, selber zum Bleistift zu greifen! Auf diese Weise werden Anmerkungen und Abschweifungen eingeschoben, denen man folgen kann oder auch nicht. So kann man sich zum Beispiel einer Theorie der Dreifachstrategie sensorischer Verlockungen bei McDonald’s hingeben oder über ein System der Langeweile nachsinnen – diese Wunderkammer will man so bald nicht verlassen!

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Larsen, Reif:
Die Karte meiner Träume
Frankfurt am Main: S. Fischer, 2009

Tipp von Juliane Buff

Wochentipp: „Nichtlustig 1“ von Joscha Sauer

Die Cartoons von Joscha Sauer sind längst Kult.
Ursprünglich nur im Internet veröffentlicht, gibt es sie inzwischen auch als Bücher: „Nichtlustig 1 – 4“ und, speziell für die Weihnachtszeit, „Nichtweihnachten“. Zusätzlich zu den einzelnen Cartoons, von denen jeder seine eigene kleine Geschichte erzählt, gibt es in jedem der Bücher eine fortgesetzte Story über eine der Personen.
Sauers Humor ist schwarz und sarkastisch, etwas makaber und manchmal muss man einen Moment überlegen, was der Autor damit ausdrücken wollte, aber immer unnachahmlich komisch und unterhaltsam.

Seit ich das erste Mal auf die Nichtlustig-Homepage stieß, bin ich ein riesiger Fan.

Wer also schon immer einmal wissen wollte, warum die Dinosaurier ausstarben, weshalb Lemminge Massenselbstmord begehen, wie Herr Riebmann in der Wand wohnt oder was es mit dem Tod und seinem Pudel auf sich hat, muss diese Bücher lesen!

Sauer, Joscha:
Nichtlustig 1
Hamburg : Carlsen, 2003

Tipp von: Alexandra Eckel

Bundesweiter Vorlesetag am 13.11.2009

Bereits zum sechsten Mal initiieren die Stiftung Lesen und DIE ZEIT gemeinsam mit dem Hauptpartner Deutsche Bahn den bundesweiten Vorlesetag.  Am 13. November werden in der Stadtbücherei Soest von 16.30 bis 18.00 Uhr von den Vorlesepaten und Mitarbeiterinnen der Stadtbücherei bunte Geschichten und Bücher zu verschiedensten Themen vorgelesen. Alle Kinder, die Lust und Zeit haben, können vorbeikommen und zuhören. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.