Archiv für den Monat August 2009

Wochen-Tipp: „Der Zorn der Wölfe“ von Jiang Rong

Der Zorn der Wölfe

Während der Kulturrevolution in den 60-er Jahren wird der junge Chinese Chen Zhen in die Innere Mongolei versetzt, um in der Produktionsgruppe der nomadischen Viehzüchter zu arbeiten. Er lernt das mongolische Grasland, das Olonbulag kennen durch den alten Nomaden Bilgee, dessen Name in mongolischer Sprache „Tiefe Weisheit“ bedeutet. Vor allem die Wölfe faszinieren Chen, obwohl seine ersten Begegnungen mit ihnen fast katastrophal enden. Er beschließt, alles über die Wölfe, die Bewahrer des Graslandes, zu lernen. Sein größter Wunsch ist es, einen Wolfswelpen großzuziehen. Tatsächlich gelingt es ihm, einen jungen Wolf zu fangen. Aber damit fordert er einerseits die Rache der Wölfin heraus, andererseits widerspricht auch die Zucht mit Wölfen und Hunden (damit begründet Chen sein „wissenschaftliches Experiment“) den Gebräuchen der Viehzüchter. Chen muss zahllose Widerstände überwinden, um sein Experiment fortsetzen zu können. Dabei macht es ihm auch sein geliebter kleiner Wolf nicht leicht – der unbändige Freiheitsdrang des Tiers kennt keine Grenzen. Chen erkennt, dass der Charakter seines Wolfswelpen Ehrfurcht verdient. Und er lernt mehr und mehr über die Beziehung zwischen den Wölfen und den Nomaden, über das gefährdete ökologische Gleichgewicht des Graslands. Denn die Chinesen dringen in die Mongolei vor, wollen das Grasland wirtschaftlich nutzen und bekämpfen die Wölfe, die in diesem Überlebenskampf chancenlos sind. Aber es stellt sich heraus, dass der Schaden, den die Menschen anrichten, viel größer ist als der, den die Wölfe verursachen – schon nach einem Jahr ähnelt das neu erschlossene Weideland einem Friedhof, und in kaum 30 Jahren ist das Grasland zur Sandwüste geworden.

Jiang Rong kritisiert nicht nur den skrupellosen Umgang mit der Natur, er weist auch auf den mangelnden Freiheitswillen der Chinesen hin, der sie daran hindere, sich weiter zu entwickeln: „Ihr Chinesen seid wie Schafe!“ lässt er den alten Bilgee sagen. Seine Hoffnung ist es, den Chinesen das Freiheitsstreben der Mongolen – und der Wölfe – nahezubringen. In einem Interview äußerte er sich über die Ziele, die er mit seinem Roman verfolgt.

Das Buch verlangt dem Leser einiges ab: Zauberhafte Naturschilderungen gehen unvermittelt über in grausame, brutale Szenen, die wirklich herzzerreißend sind. Blut fließt in Strömen (dafür sind nicht ausschließlich Menschen und Wölfe verantwortlich, es können durchaus auch gewaltige Mückenschwärme sein).  Oft werden den Tieren Gefühle wie Zorn, Trauer, Stolz, Freude zugeschrieben, sie werden aber dennoch niemals vermenschlicht, sondern bleiben ganz natürliche Kreaturen. Im Vergleich dazu wird der Mensch eher als sein eigenes Haustier geschildert. – Die gesellschaftspolitischen Diskussionen der chinesischen Schüler bleiben dagegen seltsam blaß, aber das mag vielleicht nur dem nicht-chinesischen Leser so vorkommen.

Ein erschütterndes Buch von der ersten bis zur letzten Seite; auch als Hörbuch atemberaubend gelesen von Martin Bross.

Begeistert von dem Buch war jedenfalls auch der französische Regisseur Jean-Jacques Annaud („Der Name der Rose“, „Sieben Jahre in Tibet“), der das Buch verfilmen wird.

Jiang, Rong
Der Zorn der Wölfe : Roman / Jiang Rong
München : Goldmann , 2008
703 S. : 23 cm
ISBN 978-3-442-31108-8

Jiang, Rong
Der Zorn der Wölfe : Roman / Jiang Rong ; Gelesen von Martin Bross
Gekürzte Lesung
Köln : Random House Audio , 2009
8 CD + Beil.
ISBN 978-3-86604-984-0
 

Wer mehr wissen möchte, liest auch:

Geheime Geschichte der Mongolen : Herkunft, Leben und Aufstieg Cinggis Qans / hrsg. von Manfred Taube. – München : Beck , 1989. – 320 S. : Kt.
Orientalische Bibliothek
ISBN  3-406-33594-2 

Auge in Auge mit dem Wolf : 20 Jahre unterwegs mit frei lebenden Wölfen / Günther Bloch ; Peter A. Dettling. – Stuttgart : Kosmos , 2009. – 176 S. : zahlr. Ill.
ISBN  978-3-440-11452-0

Faszination Wolf : Mythos, Gefährdung, Rückkehr : mit den Stimmen der Wölfe auf CD / Barbara Promberger ; Christoph Promberger ; Jean C. Roché. – Stuttgart : Kosmos , 2002
38 S. : zahlr. Ill. ; CD
3-440-09187-2 

Mongolei : Zu Pferd durch das Land der Winde / Carmen Rohrbach. – München : Frederking & Thaler , 2008
304 S. : Ill. – (National Geographic ; 292)
ISBN  978-3-89405-846-3

Tipp von: Juliane Buff

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Wochen-Tipp: „Fits“ von Reiner Knizia

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Wer kennt nicht „Tetris“ als Computerspiel? Hier ist das Brettspiel dazu.

Fits hat seinen Vorläufer im klassischen Tetris des frühen Computerspielzeitalters. Waren die Spieler bei Tetris noch getrieben vom hektischen, unbeeinflussbaren Bewegungstempo, dürfen es die Spieler in der Unplugged-Spielwelt von Fits wesentlich ruhiger und überlegter angehen. Die Abwesenheit von Hektik macht das Spiel aber nicht weniger spannend.

Passend oder nicht passend: Das ist beim neuen Ravensburger Gesellschaftsspiel Fits die Frage. Bis zu vier Mitspieler füllen fieberhaft die Lücken in ihren Spieltafeln mit Bausteinen. Das fordert etwas Glück und räumliches Vorstellungsvermögen – denn welche der vielen Baustein-Formen zum Zug kommt, bestimmt die Karte in der Spielmitte. Ein kniffliges Legespiel mit bestechend einfachen Spielregeln. 

Jedes Spiel besteht aus vier Runden. Man zieht eine Startkarte und legt den darauf abgebildeten Stein auf seine Startrampe. Bereits liegende Steine dürfen nicht mehr verändert werden. Dann wird die erste Baukarte aufgedeckt. Alle führen gleichzeitig diesen Stein aus ihrem Vorrat senkrecht von oben nach unten möglichst passgenau auf ihrer Rampe an bereits liegende Steine. Waagerechte Bewegungen sind nicht erlaubt . Dabei muss man darauf achten, dass möglichst wenige Lücken entstehen. Es ist erlaubt zu passen, allerdings ist dieser Stein dann verloren.

Sind alle Baukarten aufgebraucht, endet die Runde und wird gewertet. Wer seine Steine am geschicktesten eingesetzt hat, gewinnt.

Besonders gut an diesem Spiel gefällt mir, dass alle Mitspieler gleichzeitig agieren können und dass es zahlreiche Varianten gibt und somit das Spiel nie langweilig wird. Ein weiterer Pluspunkt bei Fits ist die Solospielvariante.

Nominiert zum „Spiel des Jahres 2009“

Erscheinungsjahr: 2009
Anzahl Spieler: 1-4
Altersangabe: 8
Dauer: 30-45
Autor: Reiner Knizia

Tipp von Barbara Beine

Lärm an einem Ort der Stille

250.jpgDiese Überschrift ist wirklich sehr arg übertrieben,
denn sie soll neugierig machen.

Vom 31.7. – 8.8.2009 hörte man in der Bücherei ungewöhnliche Klänge aus dem Lesegarten.
Die Soester Sommerakademie 2009 hatte mit ihrem Kurs für Bildhauerei in Holz und Stein ihr Zelt (im wahrsten Sinne des Wortes) in unserem Büchereigarten aufgeschlagen.
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Vom ersten Tag an beobachtete ich voller Spannung was aus den mitgebrachten, zu Beginn sehr unscheinbaren Holzklötzen und Steinbrocken werden könnte.
Mir klingt noch folgender Satz des Kursleiters Johannes Dröge im Ohr, als ich ein unbearbeitetes Stück Stein betrachtete: Da ist alles drin, man muss es nur herausholen.
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Es war schon sehr faszinierend, wie man von Tag zu Tag erkennen konnte, was die Kursteilnehmer wohl schon bei der Auswahl ihres Rohmaterials wussten:
Was kann aus diesem Stück Stein oder Holz wohl werden und wie wird das fertige Objekt aussehen?
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Wir hatten ein paar Wochen vor dem Kursbeginn Plakate erstellt und in Soest verteilt, mit denen wir auf dieses Sommerhighlight aufmerksam machten, denn Zuschauer waren ausdrücklich erwünscht.

Für alle, die nicht in den Genuss gekommen sind, die Entstehung der großen und kleinen Kunstwerke zu beobachten und Einblicke wie ich (wenn auch nur als Zuschauer) in die Bildhauerei zu bekommen, hier ein paar Schnappschüsse aus der letzen Woche.

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Angelika Anthoff
Mitarbeiterin der Stadtbücherei Soest

Wochen-Tipp: „Mängelexemplar“ von Sarah Kuttner

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Mängelexemplar ist Sarah Kuttners, ihres Zeichen Moderatorin bei VIVA, MTV und anderen Sendern, Debütroman, der jedoch nicht ganz solch einen Wirbel verursacht hat, wie die umstrittenen „Feuchtgebiete“ von Kuttners Moderatorenkollegin Charlotte Roche.  

Wo „Feuchtgebiete“ in Bereiche vordringt, die man so eigentlich gar nicht kennenlernen wollte, geht „Mängelexemplar“ in eine andere Richtung. Die Story ist schnell erzählt, was aber nicht den Lesespaß schmälert: 

Karo Herrmann, Ende zwanzig, laut ihres besten Freundes Nelson kein Hauptgewinn, aber ein Mängelexemplar (im positiven Sinne!), durchleidet eine schwere Lebenskrise, die sich in Depressionen, Panikattacken und allgemeiner Verwirrung niederschlägt.  

Jetzt könnte man meinen, dass dieses ernste Thema nicht kurzweilig gestaltet werden kann oder erst recht nicht in einen Roman von einer Moderatorin passt, aber dann kennt man eben Sarah Kuttners unterhaltsame und zum Teil selbstironische Art zu Schreiben noch nicht. Sie versteht es, dem Leser glaubhaft zu vermitteln, dass sie von dem Thema, über das sie schreibt, Ahnung hat und ihre Figur Karo ist ihr scheinbar so nah wie dem Leser – gerade das macht das Buch lesenswert.

Neben Therapiesitzungen, dem stark dezimierten Freundeskreis und der immerwährenden Suche nach Liebe und Glück ist es vor allem das generationsbedingte Lebensgefühl, das sich in „Mängelexemplar“ ausdrückt. Trotzdem ist das Buch für alle Alterklassen zu empfehlen. Einfach mal reinlesen!

Sarah Kuttner: Mängelexemplar

Frankfurt am Main: S. Fischer, 2009

Tipp von: Susanne Atorf

  

Wochen-Tipp: „An der Arche um Acht“ von Ulrich Hub u. Jörg Mühle

An der Arche um Acht

„Wer ist eigentlich Gott?“ Um solche großen Fragen geht es in diesem Buch für kleine Menschen.

3 Pinguine streiten sich ständig, weil es am Südpol so langweilig ist – auch darüber, wer so eine langweilige Gegend geschaffen hat und warum und ob man das überhaupt ungestraft sagen darf, weil Gott unheimlich gute Ohren hat. Da werden sie mit der Sintflut konfrontiert, die sich erst durch einen Schmetterling, dann durch eine dunkle Wolke und schließlich durch eine eifrige Taube ankündigt, die ihnen 2 Tickets für die rettende Arche aushändigt.

Weil Pinguine sich trotz aller Differenzen nicht gegenseitig im Regen stehen lassen, wird der dritte Pinguin in einem Koffer auf die Arche geschmuggelt, obwohl nur Handgepäck erlaubt ist und die Taube auf Anweisung von Noah alle verdächtigen Gepäckstücke öffnen soll.

Die Reise ist eine Qual, die Pinguine langweilen sich schon wieder, es gibt keine Liegestühle, keinen Pool und es wird keine Gymnastik angeboten, es ist dunkel und eng und das Schiff stinkt nach Teer. Bald fragen sie: „Und wann sind wir da?“. Die Taube, die sich ständig mit dem Gedanken quält, etwas Wichtiges vergessen zu haben, fühlt sich völlig überfordert mit ihrer Aufgabe, auf der überfüllten Arche zwischen all den Tieren mit ihren Eigenheiten für Ordnung zu sorgen (die Klappperschlangen haben ein Kartenspiel eingeschmuggelt, obwohl Glücksspiele an Bord verboten sind, und eine Ameise sucht überall nach ihrem verlorenen Partner).

Der kleine Pinguin gibt sich schließlich die Schuld an der Katastrophe, weil er den Schmetterling, der vor der Sintflut aufgetaucht war, getötet hat. Um ihn aufzuheitern, veranstalten die Pinguine einen Heimatabend. Ihr Gesang weckt die übermüdete Taube…

Schließlich geht ein kräftiger Ruck durch die Arche.  Nach 40 Tagen ist sie gestrandet und alle Tiere gehen paarweise an Land. Der Taube ist endlich eingefallen, was sie vergessen hat und sie und die 3 Pinguine finden eine überraschende Lösung für ihren Abgang…

In diesem Buch werden Themen wie Glaube und Zweifel, Nächstenliebe, Moral und die Existenz Gottes mit respektlosem Humor und doch nachdenklich behandelt. Der Autor Ulrich Hub bietet keine einfachen Antworten an. Es ist ein großes Vergnügen, das Buch vorzulesen, niemals begibt es sich auf ein verniedlichendes und süßliches Niveau, und die Geschichte der Sintflut aus dieser Perspektive ist auch für Erwachsene eine Bereicherung. Die schwarzweißen Zeichnungen von Jörg Mühle illustrieren den Inhalt auf witzige und einfache Weise.

„An der Arche um Acht“ wurde ausgezeichnet als Kinderbuch des Monats 09.2007.

Ulrich Hub/Jörg Mühle: An der Arche um Acht“

Düsseldorf: Sauerländer, 2007

Tipp von Brigitte Weber