Ordnung muß sein

Es mag schon ein paar Jahren her sein, da lernte ich ein niedliches Online-Spiel kennen: „Order in the Library“ ist ein Online-Spiel, mit dem Anfänger in Bibliotheken (vom Azubi bis zu ehrenamtlichen Mitarbeiter) sehr schön das Einsortieren von Medien ins Regal üben können – ganz ohne Rückenschmerzen befürchten zu müssen! Entwickelt wurde es an der University of Texas, Austin:

„Order in the Library was developed by four teams of software engineering students in 2002-2004. The product was based on specifications the teams received from Ms. Susan Sanders, an elementary school librarian at Zavala Elementary in Austin, TX. The project was developed in Flash and has enjoyed great popularity thanks to the simplicity of its design and its utility in helping pre-college students learn how to correctly shelve books using the Dewey Decimal System.“

Leider  war es längere Zeit von der Bildfläche verschwunden, aber nun ist es wieder da!
Macht Spaß und ist gar nicht so schwer – obwohl das „Dewey Decimal System“ vielleicht doch eine Herausforderung darstellt. Im Erfolgsfall kann man sich sogar ein „Assistant Librarian Certificate“ ausdrucken.

Spielt doch mal mit🙂

Order in the Library

 

Gelesen im Literaturkreis: „Stoner“ von John Williams

Was für ein Leben; man möchte es nicht geschenkt haben! Ein Bauernsohn vom Land kommt zum Landwirtschaftsstudium in die Stadt; er soll den elterlichen Hof übernehmen. Doch während des Studiums entdeckt er seine Liebe zur Literatur, sattelt um und wird Professor für Literatur an der Universität, an der er auch studiert hat.

Er verliebt sich in Edith, Tochter einer reichen Bankiersfamilie und heiratet sie. In der Hochzeitsnacht, die Edith nur als ekelig und abstoßend empfindet, erwacht ihr Hass auf ihren Mann. Und diesen Hass lässt sie ihn den Rest seines Lebens spüren. Als sie beschließt Mutter zu werden, benutzt sie ihren Mann, bis sie schwanger ist. Nach der Geburt der Tochter ist sie lange krank, sodass Stoner sich um das Kind kümmert. Die liebevolle Beziehung, die sich zwischen Vater und Tochter entwickelt, zerstört Edith gezielt und nachhaltig.

Stoner flieht wieder in seine Arbeit. Doch auch hier lauert Hass durch den Kollegen Lomax. Nur in einer jungen Dozentin findet Stoner einen ruhenden Pol und eine Wesensverwandtschaft. Aber Pflichtgefühl und Gewohnheit lassen Stoner bei Edith und seinem Professorendasein bleiben. Auch hier ist Stoner nicht in der Lage sein Leben zu ändern. Erst als er im Sterben liegt, kümmert Edith sich um ihn und es scheint eine Art Annäherung zu geben.

Das Buch spielt in den frühen 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Es ist bereits 1965 erschienen, stieß aber auf wenig Resonanz. Erst 2014 wurde es wieder entdeckt.

Elisabeth Dietz, Literaturkreis

 

Gelesen im Literaturkreis: „Reich der Verluste“ von Erika Pluhar

Magda ist nach mehreren Schicksalsschlägen auf eine Insel im Mittelmeer geflüchtet. Dort fällt ihr ein, dass in ihrer Wohnung zu Hause noch ein Fenster offen steht. Sie schreibt eine Postkarte an die Hausmeistersfrau Maria und bittet sie, das Fenster zu schließen. Daraus entwickelt sich ein Briefwechsel zwischen den beiden Frauen. Nach und nach erzählt jede der anderen aus ihrem Leben. Von Verlusten, Kränkungen aber auch der Liebe ist die Rede. Und für beide ergibt sich etwas Neues. Maria entdeckt die Wörter während Magda ihre Depression überwindet.

Ein ruhiges, einfühlsames Buch, das uns sehr gefallen hat.

Elisabeth Dietz, Literaturkreis

 

Gelesen im Literaturkreis: „Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“ von Imre Kertesz

Wie unter Zwang kreisen die Gedanken und Aussagen eines erwachsenen jüdischen Mannes immer um die gleichen Themen: Internat, Konzentrationslager und Ehe. Bei allen dreien geht es um Macht und Autorität.

Aus mehreren Gründen ist das Buch nicht leicht zu lesen: Der Erzähler kommt vom Hölzchen auf Stöckchen; jeder Gedanke zieht eine neue Erzählung nach sich. Hinzu kommen lange Sätze, die nicht aufzuhören scheinen oder mittendrin abbrechen. Außerdem bleibt der Leser als Beobachter außen vor. Er kann (und soll?) sich nicht mit dem Erzähler identifizieren. Es kommt einem so vor, als ob der Erzähler alles beim Leser ablädt.

Wir haben uns schwer mit diesem Buch getan. Ausgewählt hatten wir es aus Anlass des Todes von Imre Kertesz im März dieses Jahres.

Elisabeth Dietz, Literaturkreis

 

Gelesen im Literaturkreis: „Schweigeminute“ von Siegfried Lenz

Stella Petersen, Englischlehrerin an einem Gymnasium in einem nicht benannten Ort an der Ostsee, ist in den Sommerferien tödlich verunglückt. Während einer Gedenkveranstaltung wird in Rückblenden die Liebesgeschichte zwischen Stella und ihrem Schüler Christian aus seiner Sicht erzählt. Behutsam und einfühlsam ist der Schreibstil von Siegfried Lenz, der alles Intime vermeidet und der Phantasie des Lesers überlässt. Trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen ist es eine erotische Geschichte.

Etwas irritierend fanden wir den fehlenden Zeitbezug. Vermutlich ist das Absicht, für uns war aber das Verhalten der Jugendlichen (brav, angepasst, naiv) nicht unbedingt nachvollziehbar. Denn Jugendliche von heute verhalten sich anders.

Elisabeth Dietz, Literaturkreis

 

Gelesen im Literaturkreis: „Nachgetragene Liebe“ von Peter Härtling

Als sein Vater 1945 in russischer Gefangenschaft stirbt, ist Peter Härtling 12 Jahre alt. Mit diesem Buch versucht der Sohn eine Annährung an den Vater. Beschrieben wird das Familienleben während der NS-Zeit aus der Sicht des Jungen. Der Vater, den der Junge als schwach, unnahbar und pflichtbewusst erlebt, ist von Beruf Rechtsanwalt. Nur die Schwester bekommt vom Vater Zärtlichkeit und Nähe, die dem Jungen fehlen. Er setzt sich ab zu den Kinder- und Jugendorganisationen der Nationalsozialisten. Dort findet er eine Heimat. Doch dann ist der Krieg zu Ende.

 

Zu Beginn des Buches steht der Autor seinem Vater sehr distanziert gegenüber. Doch nach und nach ändert sich das. Mit zunehmendem Erinnern nähert der Autor sich seinem Vater an. Und fast am Ende heißt es: „Ich fange an, dich zu lieben.“ Ein lesenswertes Buch.

Elisabeth Dietz, Literaturkreis

 

Gelesen im Literaturkreis: „Im Meer schwimmen Krokodile“ von Fabio Geda

Wie verzweifelt muss eine Mutter sein, die ihren 10-jährigen Jungen unter dem Tschador von Afghanistan nach Pakistan schmuggelt? Sie sieht das als einzige Rettung, denn die Taliban drohen damit, den Jungen als Sklaven zu nehmen.

In Pakistan überlässt sie den Jungen seinem Schicksal, weil er zwar eine ungewisse Zukunft habe, aber nicht ständig in Angst und Gefahr leben müsse.

Er arbeitet als Straßenverkäufer, beschließt nach einigen Jahren, in den Iran zu gehen. Dort wird er erwischt und nach Afghanistan abgeschoben. Sofort findet er wieder Schleuser, die ihn in den Iran zurückbringen. Er arbeitet auf dem Bau, den Lohn kassieren die Schleuser. Im Alter von ungefähr 16 Jahren hat der Junge genug Geld um Schleuser zu bezahlen, die ihn in einem zweimonatigen Fußmarsch durchs Hochgebirge in die Türkei bringen. Von dort kommt er mit dem Boot nach Italien.

Insgesamt acht Jahre dauert die Flucht. Als er seine Geschichte einem Journalisten erzählt, entsteht dieses Buch. Der Titel ist durch die Angst des Jungen zu erklären. Er und die anderen, die mit ihm im Schlauchboot fuhren, wussten nicht, ob es im Mittelmeer Krokodile gibt.

Stilistisch ist das Buch nichts besonderes, trotzdem muss es meiner Meinung nach jeder lesen. Das Grauen des 10-Jährigen, als er ohne Mutter aufwacht, all die entsetzlichen Erlebnisse und die vielen Toten, die er auf seiner Odyssee sieht, machen das Trauma begreifbarer, das die Flüchtlinge von heute erleben. Die Flucht dieses Jungen begann 2001 und deckt sich mit den Berichten der Flüchtlinge von heute. In all den Jahren hat sich nichts geändert!

Elisabeth Dietz, Literaturkreis